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Ein Handwerk, so fragil wie das Glas selbst

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Manacor - Mallorca

Vidres Gordiola will in der alten Fabrik in Palma ein Museum eröffnen. Auch die zwei anderen Glasbläsereien der Insel kämpfen um Aufmerksamkeit und ihr ruhmreiches Erbe

JUTTA CHRISTOPH

 

Zu unbedeutend, um noch rentabel zu sein? Mallorcas Glaswerkstätten kommen im Zuge günstig hergestellter Industrieware in Bedrängnis und beschäftigen immer weniger Glasbläser. Vielleicht müssen sie sich erneuern, auch in Sachen Design und Marketing, etwa mit einem kürzlich vorgestellten Museumsprojekt von Gordiola. Vielleicht nehmen wir Dinge, die schon immer da waren, aber auch einfach als zu selbstverständlich hin, statt dazu beizutragen, dass es sie weiterhin gibt.

 

Schon immer heißt in diesem Fall tatsächlich so gut wie schon immer: Bereits vor 2.300 Jahren sollen die Phönizier die ersten Schmelzöfen auf der Insel errichtet haben. Der erste dokumentarisch belegte Ofen stammt von 1327, er stand in Calvià. Im 17. Jahrhundert erlebte die Glasindustrie in ganz Europa einen Boom, jedes Land wollte Glas nach venezianischer Art herstellen. Auch in Palma siedelten sich zahlreiche Werkstätten an. Heute verbleiben nur noch Gordiola in Algaida, Lafiore in s’Esgleieta und Menestralia in Campanet.

 

Ihr Überleben hängt von genügend Aufträgen und Nachwuchs ab – an beidem mangelt es. Während vor 20 Jahren noch acht bis zehn Glasbläser in jeder Werkstatt arbeiteten, sind es heute nur noch zwei bis vier. Von offizieller Seite gibt es für dieses Handwerk keine Unterstützung. Schulen, um das alte Wissen weiter zu geben, existieren nicht. Vor 300 Jahren war dieses Wissen noch Gold Wert, es auszuplaudern konnte den Kopf kosten. Doch trotz aller Versuche der Republik Venedig, die von ihr entwickelte Technik der Glasherstellung geheim zu halten, reisten einige Glasbläser Italiens in die Länder nördlich der Alpen.

 

Auch auf Mallorca wurden die kostbaren Formeln der Glasveredelung bekannt. Zu dieser Zeit beginnt die Geschichte der Firma Gordiola. 1719 gründete ein katalanischer Glashändler namens Gordiola zusammen mit Blas Rigal, einem Glasbläser aus Aragonien, eine Glasschmelzfabrik in Palma. Gordiola finanzierte das Projekt, Rigal kümmerte sich um den Ofen mit rundem Grundriss und gewölbter Kuppel. Später führte Bernardo Gordiola Cánaves das väterliche Erbe fort und entwickelte Neuheiten, die Glasbläser aus Venedig mitbrachten.

 

1790 veröffentlichte Gordiola den ersten Katalog von Kronleuchtern und Lüstern, um die „Paläste der europäischen Könige und andere Herrensitze der Mächtigen dieser Erde zu erleuchten“.Das glaubt sofort, wer die ausladende zweistöckige Lampe im venezianischen Stil im Fabrikladen in Algaida sieht. 1970 zog die Fabrik von Palma aufs platte Land, weil die Hallen an der Stadtmauer zu klein geworden waren. Jetzt, 45 Jahre später, soll die alte Fabrik wieder geöffnet werden. „Nicht, um dort Glas herzustellen“, erklärt der geschäftsführende Direktor Jesús Fernández, „sondern um an die Glaskunst Mallorcas zu erinnern.“

 

Zuerst müsse aufgeräumt, Möbel und Werkzeuge entstaubt, die Wände von Ruß befreiet werden, so Fernández. Ostern 2016 sollen die Fenster zur Stadtmauer dann wieder offen stehen und Besucher den ­original Brennofen sowie Sammlerstücke von Glasobjekten entdecken können. Wer etwas über Mallorcas Glaskunst erfahren möchte, braucht so lange nicht zu warten. In den Werkstätten von Gordiola, Lafiore und Menestralia kann man täglich die Glasbläser live arbeiten sehen – und die Magie der Verwandlung eines flüssigen Glasklumpens in ein elegantes Weinglas hautnah miterleben. „Die Technik ist die alte geblieben, nur die Öfen wurden verbessert“, erklärt Pedro Torres, Meister in der Werkstatt von Gordiola.

 

Früher mit Öl befeuert, schmilzt das Glas heute, getrennt nach Farben, in einem Gasofen, der mit Hilfe von Sauerstoff auf 1.200 Grad erhitzt wird. Morgens um sechs Uhr beginnt der Arbeitstag für Pedro Torres (seit 22 Jahren in der Fabrik) und seine Kollegen Pepe Jaume (seit 24 Jahren bei Gordiola), Toni Massot (seit 15 Jahren) und Joan Juan (vor drei Wochen eingestellt). „Zuerst sehen wir nach den arcos“, sagt der Mallorquiner und zeigt auf zwei in der Wand eingelassene Ziegel­öfen. In diesen 600 Grad warmen Öfen ruhen die fertigen Glasobjekte für 48 Stunden. Nur so geht das Glas nicht zu Bruch, wenn es von 1.200 Grad Schmelztemperatur langsam abkühlt und erhärtet. Als Pedro Torres als 16-jähriger Lehrling in die Werkstatt kam, arbeiteten dort noch acht bis zehn Glasbläser, vier Meister und vier bis fünf Helfer.

 

Heute sind es weniger als die Hälfte. „Die Ausbildung erfordert Ausdauer und Geduld“, so Pedro Torres, „acht bis zehn Jahre benötigt ein Lehrling, um das Handwerk anständig zu lernen, die meisten geben vorher auf.“ Joan Juan war arbeitslos, bevor er zu Gordiola kam, eine besondere Verbindung zur Glasbläserei hat er nicht. So assistiert er zunächst den drei erfahrenen Glasbläsern, die fast im Minutentakt die flüssige Glasmasse mit einem Stahlrohr aus dem Schmelzofen holen. Das Material besteht zur Hälfte aus recyceltem Scherben aus dem Produktionsbruch, die andere Hälfte stellt Gordiola als einzige Fabrik Mallorcas noch selbst her. 75 bis 150 Kilogramm Glas am Tag werden hier verarbeitet.

 

Klebt die rot glühende Glasmasse am Stab, muss es schnell gehen, bevor das Material wieder abkühlt. Aus dem karamellweichen Klumpen formt Pedro Torres mit der Zange in wenigen Sekunden ein kleines Figürchen. Für Weingläser und Krüge braucht er fünf bis zehn Minuten. An größeren Stücken wie mehrfarbige Lampen mit Verzierung arbeiten bis zu vier Handwerker gleichzeitig. 621 verschiedene Modelle sind an der hinteren Wand der Werkstatt in zwei alten Holzbilderrahmen auf vergilbtem Papier verewigt. Viele Formen seien noch immer aktuell, so Pedro Torres. „Die Kunden suchen vor allem Traditionelles wie hohe Weingläser, Ölkaraffen oder die typischen Lampen farols mallorquíns.“ Von den Leuchtern im venezianischen Stil wird alle Jahre mal einer verkauft. Um mit der Zeit zu gehen, fertigt Gordiola jetzt schlichtere Lampenmodelle, „die in Häuser und Wohnungen von Menschen wie du und ich passen.“

 

Insel-Glaskunst

 

Vidrieras Gordiola, Crt. Palma-Manacor, km 19, Algaida

www.gordiola.co

 

Lafiore, Crt. Palma-Valldemossa, km 11,s'Esglaieta

www.lafioredeco.com

 

Menestralia, Crt. Palma-Alcúdia km 36, Campanet

 

www.menestralia.com

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