Sightseeing

Allein mit dem Talayot

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Llucmajor - Mallorca

Eine der wichtigsten prähistorischen Siedlungen der Insel zieht kaum Besucher an. Die privaten Betreiber erwägen die Schließung

Wenn hier die Zeit stehen geblieben ist, liegt das nicht nur an den rund 3.000 Jahre alten steinernen Ruinen. Wo anderswo Besucher mit ihrem Handy einen QR-Code einscannen und sich die Infos über eine Sehenswürdigkeit auf ihr Smartphone holen, erhält man in Capocorb Vell bei Cala Pi die Kopie eines mit Schreibmaschine getippten Blattes in einer Klarsichthülle, die man nach dem Besuch der Talayot-Siedlung wieder zurückgibt. Die letzten archäologischen Untersuchungen liegen mittlerweile fast 50 Jahre zurück. Und die Statthalterin von Capocorb Vell, Lucía, hält auch schon seit Jahrzehnten die Stellung. Fünf Jahre fehlten noch zur Rente, sagt die Mallorquinerin, die Tickets, Kaffee und Snacks verkauft.


Viel zu tun hat sie nicht – weder an diesem Montagmorgen (25.8.), noch an anderen Tagen. Eine Handvoll Besucher pro Tag zahlen die 2 Euro Eintritt und folgen den verwitterten Pfeilen, die den Weg zu einer der wichtigsten und größten prähistorischen Siedlung Mallorcas weisen: Hier stehen fünf runde und quadratische Talayots – Verteidigungstürme, die der prähistorischen Kultur auch ihren Namen gegeben haben – sowie 28 Behausungen. Rund 600 Personen dürften hier gelebt haben, zumal sich die Siedlung weiter in Richtung Nordosten ausgedehnt hatte.


Heute liegt die Fundstätte im Niemandsland. Das Gelände gehört zu einer Privatfinca einer alteingesessenen Familie aus Llucmajor. Die Landstraße Ma-6014, die von der Flughafen-Autobahn Richtung Cap Blanc an der Südküste führt, ist nur noch wenig befahren, wenn man erst einmal die Urbanisationen von Llucmajor hinter sich gelassen hat. „Könnten Sie den Eingang fotografieren, damit die Leute uns besser finden?“, fragt Lucía, die selbst auf keinem Foto erscheinen will, und berichtet, dass in zahlreichen Mallorca-Reiseführern der Standort von Capocorb Vell falsch angegeben sei. Kein Wunder, dass kaum Besucher hierher fänden.


Dabei hat die seit 1931 unter Denkmalschutz stehende Fundstätte mit ihren begehbaren Turmruinen und ihren quadratisch verlaufenden Grundmauern durchaus Besonderheiten zu bieten. In einem der Megalith-Türme etwa wurde eine zweite Etage ausgemacht, die durch eine Wendeltreppe ­verbunden ist – so etwas gibt es sonst nirgends auf Mallorca. Eine Säule deutet sogar auf einen früher bestehenden dritten Stock hin. Die Fundstücke, die heute in einem Museum in Barcelona ausgestellt sind, lassen eine jahrhundertelange Besiedlung bis hinein ins frühe Mittelalter vermuten – und die Steine, die heute wie die Reste einer Siedlung wirken, könnten ursprünglich eine zeremonielle Stätte gebildet haben.


Manel Calvo, Archäologe an der Balearen-Universität, verweist auf die historische Bedeutung ­dieser und weiterer religiöser Stätten in der Umgebung. Hier, im flachen Süden Mallorcas, dürfte zudem die Jagd eine wichtige Rolle gespielt haben, erklärt Lucía, unter anderem habe man bei den Ausgrabungen Pfeilspitzen gefunden. Die Stätte gilt auch als wichtige Station der damaligen Weidewirtschaft –von hier aus zogen die Hirten mit ihren Schafherden in Richtung der Weideplätze mit saftigeren Gräsern in der Tramuntana im Norden der Insel.


Wer ohne dieses Wissen die historische Stätte besucht, sieht freilich vor allem einen Haufen Steine, deren Besteigung sich höchstens für die bis nach Cabrera reichende Sicht lohnen mag. Es gibt keine Führungen, die Schrift auf den Holzpfeilen ist abgeblättert, und das Blatt in der Klarsichtfolie dient vor allem der Würdigung der Archäologen, die hier vor hundert Jahren forschten – neben einem Franzosen war unter anderem der Deutsche Albert Mayr am Werk. So bedeutend die Talayot-Stätte ist, so rar sind neuere Erkenntnisse, die etwa ein Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit einer Universität liefern könnte.


Wenn die Fundstätte in den vergangenen Wochen in den mallorquinischen Medien Erwähnung fand, lag dies vielmehr am Plan des spanischen Netzbetreibers (REE) für eine neue Stromleitung im Raum Llucmajor-Arenal. Gegner des Projekts kritisierten, dass die geplante Hochspannungstrasse mit ihren 42 Meter hohen Masten in unmittelbarer Nähe an der Stätte von Capocorb Vell vorbeiführe – woraufhin REE entgegnete, dass der Abstand mindestens 1,5 Kilometer betrage und die Fundstätte in keiner Weise beeinträchtigt werde.


Auch die geplante Leitung wird also den Dornröschenschlaf nicht unterbrechen, in den Capocorb Vell vor allem während der Sommer­monate fällt. Dann sei es den ohnehin wenigen kulturinteressierten Urlaubern zu heiß, sagt Lucía, und Schulklassen kämen auch keine. Die Prophezeiung, dass der MZ-Reporter an dem Morgen der einzige Besucher bleiben werde, bewahrheitet sich denn auch. 


Die Einnahmen reichten gerade mal, um Steuern zu bezahlen, finanziell tragbar sei der Betrieb eigentlich nicht, Subventionen Fehlanzeige. An Investitionen sei vor diesem Hintergrund nicht zu denken, die Schließung nicht mehr auszuschließen, sagt Lucía. „Ich bin mal gespannt, ob jemand meinen Job übernimmt, wenn ich in Rente gehe.“
    
Die Fundstätte ist täglich außer donnerstags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Eintritt 2 Euro. Carreterra Ma-6014, Kilometer 23.

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