Sightseeing

Cabrera: Fährst du auf eine Insel, kannst du was erleben

9 Stimmen

Salines (Ses) - Mallorca

Dank einer neuen Herberge können Besucher nun dort übernachten – und Ecken des Nationalparks erkunden, die Tagesausflüglern verborgen bleiben. Wir haben es ausprobiert

S. SCHUSTER

Der Reiz der Wanderhütten in der Tramuntana liegt mitunter ja darin, dass man erst einmal, bepackt mit Schlafsack, Klamotten und ­Proviant, einen stattlichen Fußmarsch zurücklegen muss, bevor man sein Nachtquartier beziehen kann. Im Falle der neuen Herberge auf Cabrera, die die Landesregierung am 1. April eröffnet hat, ist das anders. Man kann bequem mit dem Boot anreisen, und vom Hafen aus sind es dann nur mehr zehn Minuten bis zur Unterkunft. Zumindest in der Theorie.


In der Praxis allerdings haben Übernachtungsgäste das Problem, dass es außer den Ausflugsbooten, die Besucher morgens von Colònia de Sant Jordi aus zu der Inselgruppe rund 13 Kilometer vor der Südküste Mallorcas bringen und nachmittags wieder abholen, keine Transportmöglichkeit gibt. Die prächtige Idee, dass durch die neu geschaffene Herberge auch Leute, die kein Boot besitzen, mit dem sie vor der Insel ankern können, im Nationalpark übernachten können, wird dadurch erheblich getrübt.


Unmöglich ist das Unterfangen dennoch nicht, wohl aber etwas kostspielig. Eines der nur zwei Unternehmen, die für rund 40 Euro besagte Tagestrips anbieten, erklärt sich schließlich bereit, uns für 35 Euro – einfache Fahrt – mitzunehmen. Ursprünglich soll es um 11.30 Uhr losgehen, dann doch erst um 12.30, schließlich wird um 12.45 endlich abgelegt.


Nach einem Fotostopp vor einem der kleinen Neben-Eilande und einem Abstecher zu einigen beeindruckenden Küsten­felsen kommen wir kurz nach 14 Uhr im Hafen von Cabrera an. Ein Urlauber aus Schwaben schimpft schon beim Verlassen des Boots, dass er nun nur noch 45 Minuten Zeit hätte, um den Nationalpark zu erkunden. Das reicht gerade mal für einen schnellen Spurt zur Burg hoch, die im 14. Jahrhundert zum Schutz vor Piratenüberfällen errichtet wurde.


Danach werden die „normalen“ Besucher wieder nach Mallorca gebracht – während wir bleiben. Inma Gimeno, die Verantwortliche der Herberge, nimmt zunächst unsere Daten auf und händigt uns einen Schlüssel für eines der insgesamt zwölf Doppelzimmer aus, in denen es zwar weder Bettdecke noch Laken, dafür aber ein eigenes Bad mit täglich vier Stunden Warmwasser gibt. Die Räume dienten einst als Kaserne für die auf Cabrera stationierten Soldaten – die Insel ist heute noch Militärgebiet und im Besitz des spanischen Verteidigungsministeriums – und wurden nun umfassend renoviert.


Ein paar Hundert Meter weiter befindet sich der kleine Sandstrand von Cabrera, der trotz des türkisblauen Wassers schon um kurz nach 16 Uhr menschenleer ist. Von den anderen 20 Gästen der ­albergue, dem guten Dutzend Park-Angestellten und drei Beamten der Guardia Civil, die dort Dienst tun, bekommt man den ganzen Nachmittag über nichts mit. Auf der eineinhalbstündigen Wanderung zum Leuchtturm an der Punta de Anciola im Südwesten des Eilands treffen wir auf gerade mal zwei Personen. Oben angekommen sind wir wieder ganz alleine. Die Insel gehört uns – und dem Wind, der die Wellen gegen die steilen Klippen peitscht.


Dass wir doch nicht die einzigen in dem gut 15 Quadratkilometer großen Paradies sind, merken wir, als es Zeit fürs Abendessen wird. In einer weiteren Kaserne, die zu einem Aufenthaltsraum samt kleiner Küche mit Kühlschrank und Mikrowelle umgebaut wurde – es handelt sich schließlich um eine Selbstversorgerhütte –, hat sich inzwischen eine Gruppe Deutscher breit gemacht, die einen Segeltörn unternommen haben. Neben dem üppigen Buffet, das sie auf dem Tresen angerichtet haben, wirken unsere Tupperdosen und etwas lieblos zubereiteten bocadillos fast erbärmlich. An ausreichend Rotwein haben aber sowohl wir als auch die anderen Gäste gedacht, die in geselliger Runde noch ein paar Stunden weiterfeiern.


Zum Verdruss der Putzfrau, die kaum ein Auge zugetan hat und am nächsten Morgen schimpfend vor den Bierdosen, Essensresten und Abfalltüten in der Küche steht, die von der Party übrig geblieben sind. Im Gegensatz zu den Tagesausflüglern müssen die Gäste der Herberge ihren Müll nicht wieder mit nach Mallorca nehmen. Für die Entsorgung ist das Unternehmen Tragsa zuständig, das im Auftrag der Balearen-Regierung neben dem Cabrera-Zentrum in Colònia de Sant Jordi nun auch die albergue betreibt – laut Vertrag zunächst für vier Jahre.


Auch Tragsa-Angestellte Inma Gimeno, die im wöchentlichen Wechsel mit einem Kollegen Sieben-Tage-Schichten auf Cabrera schiebt, hat inzwischen von den nächtlichen Ereignissen Wind bekommen und entschuldigt sich vielmals, dass sie nicht zugegen war, um dem Krach Einhalt zu gebieten. Sie wirkt leicht verkatert – es muss wohl noch eine andere Fete gegeben haben – und scheint mit der früh um halb acht vorgefundenen Situation überfordert. „Die haben hier sogar geraucht, obwohl das strengstens verboten ist“, stellt sie beim Anblick eines überquellenden Aschenbechers auf der Terrasse des Aufenthaltsraums fest. Außerdem haben sich einige der Feiernden, die eigentlich auf ihren Yachten schlafen sollten, in den Zimmern einquartiert, die die Gruppe zusätzlich angemietet hatte. „Dabei sind sie gar nicht als Gäste registriert,“ erklärt Inma, während einer der Ertappten wie ein Häufchen Elend vor der ­Herberge sitzt und seines Schicksals harrt. Über das schließlich ­Toni, ein Beamter der Guardia Civil, entscheidet. Dass der Deutsche in seinem angetrunkenen Zustand nicht mehr aufs Boot zurückkehren konnte, interessiert den ­Mallorquiner wenig. „Du hättest hier nicht schlafen dürfen“, belehrt er ihn – hat aber auch schnell eine unbürokratische Lösung für das Problem parat. „Jetzt muss er eben zahlen,“ weist er Inma an, die sogleich 50 Euro – den Preis für ein Doppelzimmer – abkassiert.


„Schon fangen die Probleme an“, sagt Toni dann. Das mit der Herberge hätte sich die Landes­regierung mal besser überlegen sollen. „Aber mir kann es ja egal sein.“ Er sei in den fünf Wochen im Jahr, die er sich freiwillig zum Einsatz auf der Insel meldet, nur für die Kontrolle der Radarstation verantwortlich. „Wollt ihr mit hochfahren?“, fragt er, als er wieder am Steuer seines Geländewagens sitzt, und lädt uns spontan zu einer Spritztour ein.


Von oben sind allerlei Gebäude zu sehen, die man auf dem an sich unbewohnten Flecken Land gar nicht vermutet hätte: ein Herrenhaus, in dem laut Toni einst der Generaloberst residierte und das heute als Kapelle dient; die Bodega, die die Familie Feliu de Cabrera, der die Insel bis zur Enteignung während des Ersten Weltkriegs gehörte, errichtete und die nun ein kleines Museum beherbergt; oder der Wachtposten der Guardia Civil, in dem neben Toni noch zwei Küstenschutz-Beamten untergebracht sind, die unter ­anderem kontrollieren, dass rund um den Archipel niemand ohne Erlaubnis angelt oder segelt. „In der Cala Santa Maria durfte nur die ‚Fortuna‘, die Yacht des Königs, ankern“, erzählt er und zeigt auf eine Bucht östlich des Hafens.


Danach beschließt Toni, dass es Zeit ist für den ersten carajillo und steuert die einzige Bar auf Cabrera an, die Cantina im Hafen. Da das erste Ausflugsboot wegen der ungewissen Wetterlage ausbleibt, ist sie den ganzen Vormittag über nur von Park-Mitarbeitern, die dem Umweltministerium unterstehen, frequentiert. Während Toni der Wirtin vom Ärger in der albergue berichtet, genehmigen wir uns einen Milchkaffee. Später setzt sich ein mallorquinisches Paar an den Nebentisch und bestellt sich ebenfalls ein Frühstück. Die beiden sind begeistert von der Herberge, in der sie gleich zwei Nächte gebucht haben, und von der Ruhe auf der Insel. „Perfekt wäre es, wenn es heute Nacht nicht so bewölkt gewesen wäre und man den Sternenhimmel gesehen hätte“, so ihre Bilanz.


Kurz vor 14 Uhr ist es mit der Ruhe allerdings vorbei. Weil inzwischen wieder die Sonne strahlt, kommt schließlich doch noch ein Ausflugsschiff an. Innerhalb von Minuten nehmen die Besucher die Cantina, die Burg und bald auch den Strand und den daneben liegenden Picknickplatz in Beschlag. Für Aufruhr sorgt außerdem der Sturz einer Touristin aus Katalonien, die sich ein Bein gebrochen hat und nun von einem Hubschrauber abgeholt werden muss. Dessen Landung auf der kleinen Mole wird von zig Handykameras dokumentiert.


Danach trommelt der Kapitän die Ausflügler auch schon wieder zusammen. Wir hingegen werden von Freunden mit Segelboot abgeholt, nach einem gut 24-stündigen Aufenthalt auf der Insel – für die man als Übernachtungsgast ein ganz anderes Gespür bekommt. Irgendwie wird man, zumindest für kurze Zeit, zu einem Teil der Cabrera-Familie bestehend aus Parkwächtern und Co. Und so hat – trotz der nicht zu leugnenden organisatorischen Startschwierigkeiten – auch diese Herberge ihren ganz besonderen Reiz.

 

Reservierungen

Reservieren kann man die Herberge maximal drei Monate im Voraus über die Website http://cvcabrera.es/albergue-de-cabrera. Von Februar bis Mai und im Oktober und November kann man maximal zwei Nächte à 50 Euro (pro Doppelzimmer), von Juni bis September nur eine Nacht à 60 Euro buchen. Dem Leiter des Cabrera-Zentrums, Carlos Andray, zufolge, soll in Kürze auch das Transportproblem gelöst sein. Dann sollen Gäste zusammen mit der Übernachtung direkt auf der Website auch ihre Bootstickets buchen können, die zudem deutlich günstiger werden sollen. 

Fotogalerie

Karte