Sightseeing

Dorfcheck Deià: Legendär ja, vornehm nein

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Deyá - Mallorca

Auch in dem Gebirgsort gibt es Pfade abseits der Touristenrouten

JUTTA CHRISTOPH

Berühmt, wenig berüchtigt
Auch wer noch nie dort war, kennt Mallorcas bekanntes Künstlerdorf an der Westküste. Denn von Deià hat man zumindest schon mal gehört. Wie soll man einen Ort checken, über den schon so viel geschrieben wurde? Man schleicht sich von der Seite ran. Statt wie all die anderen Tagesbesucher am Drehpunkt Hotel La Residencia – Bushaltestelle – Rathaus zu starten, lassen wir das Auto am südlichen Ortseingang auf dem Seiten­streifen an zwei Mülltonnen stehen. Wer vor 10 Uhr kommt, findet hier immer einen (kostenlosen) Parkplatz. Statt nun auf der Hauptstraße ins Dorf zu spazieren, nimmt man linkerhand eine steile Betonrampe, zwei mit Lavendel bepflanzte Terrakottatöpfe markieren den Eingang. Nach dem schroffen Abgang, folgt man einem Trampelweg zwischen kniehohem Gras, läuft unter wilden Pflaumenbäumen hindurch, streift Feigen- und Walnussbaume. Eine Katze träumt in einem Vorgarten einer romantischen Hütte aus Stein. Vielleicht hat man schon jetzt begriffen, warum die Engländer schier ausflippen, wenn sie das Wort Deià nur hören.


Ort der Erleuchtung
Alles nahm seinen Anfang mit dem Schriftsteller Robert Graves, der sich 1929 in Deià niederließ. Bald zog es weitere Dichter und Maler in das damals noch verschlafene Bergdorf, Rockmusiker und Bohemiens trugen ebenfalls zum Deià-Mythos bei. Viele britische Sommergäste kauften eine Bleibe in dem Ort, der sich so malerisch an einen Hügel hoch über dem Meer schmiegt. Sie alle waren auf der Suche nach Ursprünglichkeit und einem Leben eng verbunden mit der Natur, so wie es Graves bis zu seinem Tod 1985 suchte. Sein Grab kann man auf dem Friedhof hinter der Kirche besuchen. Ebenfalls zu besichtigen ist sein Wohnhaus mit der original Einrichtung an der Straße Deià-Sóller (Eintritt Erwachsene 7 Euro, Kinder 3,50 Euro). Ein 15-minütiger Dokumentarfilm (auch auf Deutsch) zeigt zahlreiche Aufnahmen von Mallorca aus den 30er bis 70er Jahren.


Internationale Künstlerschau
Inzwischen sei hier alles anders, sagt Arthur Rhodes, den alle nur Arturo nennen. Als der englische Maler 1981 von Ibiza nach Mallorca segelte, fand er in Deià schnell eine kostenlose Bleibe, in der er zwei Jahre wohnen durfte. In dieser Zeit baute er sein Atelier auf, verkaufte erste Werke. Heute lebt er in einem kleinen Steinhaus, das ab vom Schuss an einem Treppen­weg liegt und nur zu Fuß zu erreichen ist. Hier bereitet er gerade seine nächste Ausstellung für die Galerie Sa Tafona im Hotel La Residencia vor, sie startet am 27. Juli. Darunter sein Werk mit dem humorvollen Titel „50 Shades of Earl Grey“, auf dem 50 gleichfarbige Teebeutel zu sehen sind.


Die Amerikanerin Joanna kam ebenfalls in den 80er Jahren nach Deià, heiratete, stellte Keramiken her und eröffnete nebenbei ein Café. Als sie das Lokal verkaufte, widmete sie sich ganz der Keramik. Ihr Studio findet man gegenüber vom Hotel La Residencia, ihre Arbeiten verkauft auch der mit ihr befreundete Künstler Jean-Luc in der Boutique Arte (Plaça de l‘Església). Der Franzose lebt seit 30 Jahren im Ort, früher war hier alles sehr günstig, erinnert er sich. Heute pflegt er die auf der Rück­seite des Shops gelegene Kirche. Im Gegenzug darf er die Ladenräumlichkeiten nutzen, die ihm gleichzeitig als Werkstatt dienen.


Kräuterlimo aus dem Garten
Gleich um die Ecke haben Xingo und Mariana ihren hübsch dekorierten Stand aufgebaut. Xingo ist Mallorquiner und stammt aus Deià, seine Freundin ist Argentinierin. Zusammen verkaufen sie vor der casa rectoral, dem Pfarrhaus, selbst gemixte Zitronen-Kräuterlimonade (belebt die Sinne!) und frisch gepressten Orangensaft. Die Zutaten dafür stammen wie ihre Zucchini, ­Tomaten und Physalis aus dem eigenen Garten, in dem Xingo auch zwei Schweine hält. Er ist der einzige Mensch in Deià, der Sobrassada und butifarrón selbst herstellt.


Picknick am Pflaumenbaum
In Deià gibt es zahlreiche Restaurants, von einfach mit schöner Aussichtsterrasse (Sa Font Fresca) bis zur gehobenen Sterne­küche (Es Racó d’es Teix). Wer es ganz schlicht mag, kauft sich im kleinen Lebensmittelladen an der Hauptstraße eine Quiche mit Schinken oder Spinat-Pizza, etwas Obst und eine Flasche Wasser. Das süße und salzige Gebäck von Tony schmeckt köstlich, der Bäcker arbeitet nach alten Rezepturen, benutzt nur natürliche Zutaten, keine Konservierungsmittel. Mit dem kleinen Picknick an der Hand spaziert man über die Treppen­wege wieder in Richtung des verwilderten Gartens – typical english style. Setzt sich auf das Mäuerchen unter den Pflaumenbaum und füttert auch die Katze mit kleinen Brocken Teig. So ähnlich müssen sich die ersten Besucher gefühlt haben, die Deià vor 80 Jahren entdeckten.

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