Sightseeing

Dorfleben, 15 Kilometer von Palma entfernt

9 Stimmen

Bunyola - Mallorca

Im Bann der Inselhauptstadt und doch autark: In Bunyola am Fuße der Tramuntana kennt und hilft man sich

JUTTA CHRISTOPH

Leben und Frühstücken
Auf dem Dorfplatz neben der Kirche findet jeden Samstagvormittag ein Markt statt, hier gibt‘s alles, was man zum Leben braucht. Socken, Gemüse, Unterwäsche, Salat, Bonbons, Fisch, Käse, Wurst, Blumen, Kräuter. Frisches Brot und Gebäck bekommt man im Es Forn de Sa Posada hinten rechts. Und wer mitten im Geschehen frühstücken möchte, sucht sich einen Platz beim Schuhmacher, der Bar Ca S‘es Pardenyer. Ruhiger geht’s auf der anderen Seite der Kirche in der Bar Paris zu, die seit über 60 Jahren so heißt. „Wahrscheinlich, weil der frühere Besitzer mal in Paris war und anschließend die Bar eröffnet hat“, mutmaßt Juan, der jetzt den barista gibt. Falls die Croissants im Paris mal aus sind, wird man freundlich auf die andere Straßenseite geschickt, in die Bäckerei Ca’n Joan. Bis man zurück ist, hat Juan einen perfekten Milchkaffee gezaubert.


Gutes tun, Essen teilen
Die Initiative foodsharing.de sorgt im Netz gerade für Aufsehen. Per Klick kann man auf der Online-Plattform überschüssige Lebensmittel mit anderen teilen, statt sie wegzuwerfen. Rund 8.200 Teilnehmer haben sich schon registriert, das Netz soll weltweit wachsen. Bei Marcelina Colom in Bunyola ist der Andrang bescheidener, fünf Menschen haben heute Nudeln, Reis, Linsen, Zucker und eine Flasche Öl bei ihr abgegeben. Die Mallorquinerin sammelt im Namen der Caritas jeden Samstagvormittag vor der Kirche Lebensmittel, die anschließend an bedürftige Nachbarn im Ort verteilt werden. Das klappt ganz unbürokratisch und ohne Online-Anschluss. Weltweit werden rund vier Milliarden Tonnen Lebensmittel pro Jahr produziert, ein Drittel bis die Hälfte davon landet auf dem Müll, ergab eine britische Studie. Marcelina schüttelt ungläubig den Kopf: „In Zeiten wie diesen muss man sich gegenseitig helfen.“ Einmal im Monat werden auch Altkleider und Bücher gesammelt.


Plausch mit dem Pfarrer
Ein echtes Schmuckstück für so ein kleines Dorf wie Bunyola ist die Pfarrkirche Sant Mateu von 1750, die auf Resten einer Basilika aus dem 13. Jahrhundert erbaut wurde. Zu besichtigen sind elf Kapellen, auch der Altar aus mallorquinischem Marmor ist sehenswert. Wer Glück hat, trifft Llorenc Lladó im Gotteshaus an. Der freundliche Pfarrer begrüßt Kirchenbesucher gerne persönlich, möchte wissen, was man von Glauben und liturgischem Leben der Kirche hält und wie man zu sozialer Gerechtigkeit und Humanität steht. Der Geistliche aus Valldemossa, der seit zweieinhalb Jahren in Bunyola Dienst tut, plädiert für eine offene Kirchen­gemeinde: Kirche und Pfarrhaus dürfen von der Gemeinde auch zum Feiern genutzt werden.


Die im Dunkeln sieht man nicht
Die Zeitung wurde früher nur von Montag bis Freitag geliefert, am Wochenende war Bunyola vom Weltgeschehen abgeschnitten. Doch dann kam Carmen und eröffnete ihr „Papel, papel“ (C/. Major) mit einer großen Auswahl an Zeitungen und internationalen Magazinen. Ziemlich schnell kamen Schulhefte, Schreibbedarf und Geschenkartikel zum Angebot dazu. „Schließlich ist das ein Dorfladen, da muss man ein bisschen von allem haben“, so die Mallorquinerin. Ihr Dorf wird mit den Jahren immer mehr zur Bettenburg für Menschen, die in Palma arbeiten, einkaufen, Sport machen und nur zum Schlafen nach ­Bunyola kommen. Vielleicht auch ein Grund, warum die öffentliche Markthalle seit Jahren ausgestorben ist. In dem hübschen Gebäude befindet sich nur mehr ein kleiner Lebensmittelladen, der sich so unauffällig ins Dunkel drückt, dass man ihn fast übersieht.


Kraut und Wort
Im Bioladen Herbes i paraules (Kraut und Wort, C/. Sant Mateu, 4), ist von Stillstand nichts zu spüren. Der Inhaber und MZ-Autor Tom Gebhardt richtet im ersten Stock gerade einen Raum für Workshops, Ernährungsberatung, Massagen und eine arabische Teestube ein. Im Laden findet man eine breite Auswahl an vollwertigen Lebensmitteln, Bachblüten, lose Kräuter, Tee sowie Getreide, darunter auch blat xeixa – ein mallorquinischer Urweizen, der in den 50er Jahren zusammen mit anderen rund 15 verschiedenen Getreidesorten auf Mallorca angebaut wurde. Das Getreide kann man im Laden kostenlos mahlen lassen, Tipps rund um gesunde Ernährung gibt der gelernte Naturheilpraktiker ebenfalls. Er erzählt auch, dass es im Dorf einen Gemeinschaftsgarten gibt. Die 90-jährige Doña Margarita hat ihr Grundstück 20 Familien zur Verfügung gestellt, die dort Gemüse anbauen und Hühner halten.


Dann gehen wir eben spazieren
Das Restaurant Es Carreró wurde vor Kurzem überraschend geschlossen. Der französische Koch des bekannten Dorfrestaurants hatte nach einem Herzinfarkt die Einsicht, das Leben ab sofort ruhiger anzugehen. Er verkaufte das Inventar und zog nach Südfrankreich.

 

Uns zieht es in die Natur (die beste Alternative zum gedeckten Mittagstisch) in Richtung eines goldglitzernden Turmdachs, das man vom öffentlichen Parkplatz an der C/. Ses Vinyetes sieht. Von hier führt ein hübscher Spazierweg durch Orangen- und Mandelbaumgärten, vorbei an prächtigen Fincas und Gemüsebeeten. Bis man vor der Villa Francisca steht, wie das geheimnisvolle Haus mit goldenem Dach heißt. Man erzählt sich, dass die Besitzer einst nach Indonesien auswanderten und sich nach ihrer Rückkehr das fürstliche Landhaus hierhin stellten.

Fotogalerie

Karte