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Ballermann: Wer sich erinnert, war nicht dabei

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Palma de Mallorca - Mallorca

Eimersaufen ist  längst verboten, und ab 24 Uhr darf draußen keine Musik mehr dröhnen. Trotzdem pflegt das Ballermann-Publikum beharrlich seine Rituale

STEPHANIE SCHUSTER. Nein, es ist nicht mehr, wie es einmal war. Wer nach dem Abendessen Kurs auf das vermeintliche Epizentrum der Party-Exzesse nimmt, den Ballermann, zwischen Bierstraße, Schinkenstraße und der Promenade der Playa de Palma gelegen, wird erst einmal staunen. Sangriaeimer, grölende Stammtischbrüder in Badelatschen und viel zu laute Schlagermusik – Fehlanzeige. In den Restaurants gönnen sich Familien einen Nachtisch und ältere Ehepaare ihren Espresso. Zwischen Supermarkt und Souvenirladen halten Porträtzeichner die Konterfeis sonnenverbrannter Touristinnen mit Dauerwellen für die Nachwelt fest. Und die fast schon steril wirkenden, roten Plastikstühle vor dem „Ballermann 6“ sind, bis auf ein spanisches Pärchen, das gelangweilt an einem Cocktail nippt, verwaist. „Lasst uns doch hier noch ein Abschlussbier trinken“, sagt ein Deutscher zu seinen Kumpels, als sie an dem Edelstahlkiosk vorbeischlendern. Es ist 21.54 Uhr.

 

Ob der berühmteste der insgesamt 15 balnearios (zu deutsch: Kurbad) seinen Namen nun den mangelnden Spanischkenntnissen der Touristen zu verdanken hat oder doch dem Karlsruher Wirt, der seine deutsche Kneipe namens „Ballermann“ in den 70er Jahren aufgab und für eine Zeit lang die Bude am Strand von Arenal übernahm, ist immer noch ein Rätsel. Auch wenn das Phänomen Ballermann mittlerweile sogar wissenschaftlich erfasst wurde. Doch inzwischen ist das Schild mit der Aufschrift „Ballermann 6“ abmontiert. Und Eimersaufen am Strand ist längst verboten.

 

Die Promenade ein Stück weiter Richtung Norden hängt zwischen „Grillmeister“ und „Wurstkönig“ ein penetranter Bratwurstgeruch in der Luft. Dort hat vor
33 Jahren eine Kneipe eröffnet, die deutschen Frohsinn und Bierseligkeit fortan auch auf Mallorca gewährleisten sollte: das „Köpi“. Die Abkürzung steht für „König Pilsener“, ein Getränk, das heute noch die meisten Gäste vor sich stehen haben. Das Publikum in der Bierstraße, die Köpi-Gründer Toni Ferrer 1979 quasi gleich miterfunden hat, ist mittlerweile im Schnitt doppelt so alt wie das Lokal. Eine gesellige Seniorenrunde aus Köln stößt auf ihren 28. Urlaub in Arenal an. Vor dem „Deutschen Eck“, wo „Que viva España“ aus den Lautsprechern schallt, schreien einander Rentnerinnen ins Ohr, während die Gatten besorgt auf ihre Armbanduhren blicken. Schon 22.45 Uhr.

 

Die heißen Monate gehören der Jugend, doch sobald es September wird am Ballermann, ändert sich das Klientel. Dann halten die älteren Herrschaften Einzug, nicht selten als Pulk, mit dem Kegelclub oder Schützenverein. Die Restaurant- und Barbesitzer, die unter der All-inclusive-Invasion der Hotels ächzen, freut das. „Die haben ihre prall gefüllte Vereinskasse dabei und die wird geleert“, sagt Beatrice Ciccardini, Wirtin im „Zur Krone“.

 

Früher war es trotzdem irgendwie besser. „Die Stimmung ist nicht mehr so toll“, sagt Iris Sievert, die sich mit ihrer Clique im „Bierkönig“ einen Maßkrug Wodka Lemon genehmigt. Am Programm wird trotzdem nicht gerüttelt: Frühstücken, Strand, Duschen, Bierkönig. „Wenn wir dann noch fit sind, geht´s ins Oberbayern.“

 

In der Kult-Disco, wo laut DJ Mike sechs Tage die Woche Samstag ist, wird an diesem Abend Peter Wackel erwartet. Drei schwäbische Jungs, deren Mission laut T-Shirt „Wer sich erinnert, war nicht dabei“ heißt, kommen bereits um 23.35 Uhr, drei Stunden vor dem Auftritt. Dafür greifen sie noch einen der schicken Strohhüte ab, ehe ihnen ein Kellner in Lederhose das erste Weißbier serviert.

 

Um Mitternacht setzt draußen hektisches Treiben ein. Die Biergärten schließen. Ab 24 Uhr ist Musikbeschallung im Freien seit Langem verboten. Nun hat die Stunde der Flyerverteiler-Meute vor den Diskotheken geschlagen. „Ab in den Keller“, schreit ein Mädchen in Cowboystiefeln, das vor dem „Megapark“ um Kundschaft wirbt. Für zehn Euro Eintritt gibt es zwei Longdrinks, ein T-Shirt und eine Plastiktasche mit der Aufschrift „Trink dir deine Meinung“.

 

Im „Riu Palace“ sind sogar fünf Euro mehr fällig – außer man war vorher schon im „Paradies“ und hat sich einen Stempel abgeholt. Wer clever taktiert, kann günstig feiern. In der Happy Hour gibt es einen zweiten Drink gratis dazu, die meisten Läden bieten Getränke am Flatrate-Fließband. Die Kellner, die im „Riu“ weißes Hemd und Fliege tragen, kommen mit dem Einschenken der Jägermeister Bulls und Gin Tonics kaum hinterher. Während die Gogo-Girls auf ihren Podesten umher tänzeln, drängt sich auf der Tanzfläche das auf einmal sehr junge, aufgestylte Partyvolk. „Wir haben für euch die 80er, 90er und das Beste von heute“, schreit DJ Scotty ins Mikrofon und dreht für Bon Jovi die Regler hoch. „It´s my life.“

 

Das Leben am Ballermann geht weiter. Auch wenn es 2012 ruhiger ist, als es einmal war.

 

So geht's hin

 

El Arenal liegt etwa zwölf Kilometer südöstlich von Palma. Von der Plaça d´Espanya im Zentrum von Palma fahren die Busse 15 und 25 an die Playa de Palma. Zurück fährt der letzte Bus um 1.30 Uhr. Ein Taxi ins Zentrum von Palma kostet nachts etwa 25 Euro.

 

Alternativen

 

Während sich die Deutschen seit jeher an den Ballermann halten, zieht es die Engländer nach Magaluf im Südwesten der Insel, wo in den Bars und Diskotheken ebenfalls jeden Abend Party angesagt ist. Ein pulsierendes Nachtleben findet man außerdem in Cala Ratjada an der Ostküste (siehe Seite 31). Touristen und Einheimische gleichermaßen trifft man auf Palmas Ausgehmeile am Paseo Marítimo an. Die bekanntesten – und teuersten – Clubs sind das „Tito‘s“ und das „Abraxas“. Das „Pacha“, früher ebenfalls am Paseo beheimatet, ist inzwischen nach Palmanova im Südwesten abgewandert.

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