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Bar Abaco: Borghia für einen Abend

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Palma de Mallorca - Mallorca

Man gönnt sich ja sonst nichts: Im „Abaco“ wird man prunkvoll abgezockt. Schön ist‘s trotzdem

INGO THOR. Das macht schon alles mächtig Eindruck. Man betritt diesen massiven graubraunen Palast aus dem 17. Jahrhundert, und plötzlich befindet man sich in einem Geviert, das durchaus eine mühevoll zurechtgemachte, auf jeden Fall aber überladene Kulisse für einen Film von Luchino Visconti oder Federico Fellini sein könnte.


Auf dem Boden Körbe voller Früchte, darüber Palmwedel, Statuen und Büsten, die wohl römische Zeiten in Erinnerung rufen sollen. Dazu: brennende Kerzen in allen Größen, ein Kaminfeuer, das orange-gelb lodert, und hellblaue und grünliche Wellensittiche, deren Kreischen die in Orchester-Lautstärke erschallende Musik durchbricht. Im oberen Stockwerk stehen alte rote Sofas auf edlen Teppichen unweit von goldfarbenen Stühlen und unter riesigen Gemälden; in einer nachgebildeten Uralt-Küche häuft sich liebevoll drapiertes Gemüse.


Wenn sich hier jetzt irgendwo ein Lustgreis von hinten an einen vollbusigen Sofia-Loren-Verschnitt heranschleichen würde, würde das wunderbar passen. Und wenn ein dekadenter Angehöriger der mächtigen italienischen Renaissance-Familien ­Medici oder Borghia mal eben – beim Rotwein auf einem Sofa gefläzt – den Befehl für den nächsten politischen Mord gäbe, auch.


Alles wäre so wunderbar perfekt hier im „Abaco“, wenn da nicht die mehr als eigenwillige Preisgestaltung wäre. Cocktails wie Gin Fizz oder Daiquiri kosten 16 Euro, für einen Cappuccino werden 8,50 Euro verlangt, ein San-Miguel-Bier (1/3 Liter), das im Supermarkt als Literflasche für etwas mehr als einen Euro zu haben ist, wird mit 9,50 Euro berechnet.


Dass hier spanischsprachige Gäste augenscheinlich nur vereinzelt hinfinden, verwundert angesichts dessen und der Wirtschaftskrise nicht. Viele englisch-, deutsch- und französischsprachigen Gäste hingegen lassen sich augenscheinlich vom Am­biente berauschen und zahlen zum Teil bereitwillig die Preise. Man blecht ja auch für das große Ganze, wird sich so mancher von ihnen sagen, und überhaupt, im Urlaub darf‘s ja durchaus mal ein bisschen mehr sein. Man gönnt sich ja sonst nichts. Und wenn am Freitag gegen 23 Uhr wie üblich der Rosenblätterregen niedergeht, dann hat man ja auch richtig was erlebt, und man kann zu Hause ordentlich angeben.


Andere machen ihrem maßlosen Ärger in Bewertungsportalen wie Tripadvisor Luft: „Pete L.“ moniert etwa auf Englisch, dass ihm in dem Lokal ein Orangensaft für 10 Euro aus einem Pappkarton angedreht worden sei und spricht von „Touristen-Abzocke“, „Jenson 21“ äußert auf Deutsch: „Also, ich muss da nicht noch mal rein, zumal der Cocktail nicht mal überzeugt.“  „TTf2“ spricht offen von einer „Touristen-Falle“.


Aber was soll‘s: Eine zona guiri, wie die in Spanien auf ausländische Gäste ausgerichteten pittoresken Areale genannt werden, ist nun mal eine zona guiri, und so etwas gibt es auch anderswo. Nicht so ein Lokal wie das ­„Abaco“. Hier wird ordentlich geklotzt, die Preisliste liegt aus und wer nicht konsumieren will, kann ja auch einfach nur mal gucken.


Ein Erlebnis ist es allemal.

Alternativen:

Das „Abacanto“-Lokal richtet sich ebenso wie das „Abaco“ an solvente Urlauber, nur dass es auf dem Lande liegt: Das palastartige Anwesen befindet sich unweit der Autobahn nach Inca am Camí de Sant Nicolau, einige Kilometer nordöstlich von Palma bei Marratxí. Inmitten von Springbrunnen, Statuen, brennenden Kerzen, Säulen und sogar einem Obelisken kann man sich ebenfalls sündteure Cocktails und Milkshakes zu Gemüte führen. Wer genügend Geld übrig hat, kann hier auch Taufen und Konferenzen über die Bühne gehen lassen.

 

Wie man hinfindet:

Von der Plaça Reina Sofía am Anfang des Born-Boulevards links in die C/. Apuntadors. Nach ca. 200 m nach links in die zweite Gasse. So - Do 20 - 1 Uhr, Fr + Sa 20 - 3 Uhr.

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