Sightseeing

Bummelzug Roter Blitz: Unterwegs mit der Zeitmaschine

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Sóller - Mallorca

Schnell ist er nicht, der „Rote Blitz“ nach Sóller. Aber wer ins vergangene Jahrhundert will, hat es ja auch nicht eilig

SILKE DROLL. Pünktlich um 10.10 Uhr ertönt ein Pfeifen an Palmas Bahnhof. Wir rumpeln los. Ächzend setzen sich die von außen mit Brettern verkleideten Waggons des Zugs nach Sóller in Bewegung. Drinnen sitzen die Passagiere auf braunen Ledersitzen, studieren Mallorca-Reiseführer oder halten Fotoapparate ans Fenster. Doch zunächst ist die Aussicht noch nicht berauschend. Die ersten Minuten führen durch Palmas Außenbezirke und an Industriehallen vorbei.


Zeit genug für eine Innen­betrachtung des „Roten Blitzes“. Besonders schön sind die Art-déco-Lampen an der Decke des Waggons. Das Wort Gepäcknetz stimmt hier noch im Wortsinne. Tatsächlich ist ein Netz zwischen Metallstangen an der Wand gespannt. Die Fenster kann man nach oben schieben, schon bläst erfrischender Fahrtwind herein. Eine Passagierin stellt mit Entzücken fest, dass man die Sitze mit einem Handgriff umlegen kann, so dass sich jeweils zwei Personen gegenüber sitzen können.


Was für ein Kontrast zu den mehr oder weniger klimatisierten ­Deutsche-Bahn-Zügen mit Plastikschalen-Velour-Sitzen, deren Fenster sich nicht öffnen lassen und wo kein Koffer in die schmale Gepäckablage passt. Das Nostalgie-Erlebnis ist der eine Grund für die Fahrt mit dem 100 Jahre alten, aber bestens gepflegten Zug. Die herrliche Aussicht entlang der 27,2 Kilometer langen Strecke der andere.


Schon zehn Minuten nach der Abfahrt sind die Berge in Sicht. Die Landschaft wird immer grüner, es geht an Oliven- und Mandelbäumen vorbei. Die Gipfel der Tramuntana rücken näher, werden immer größer. Gleichmäßig hämmert die Schmalspurbahn über die Gleise, die Gespräche der Mitreisenden sind kaum noch zu verstehen, der Fahrtrhythmus bei einer Geschwindigkeit von 25 Stundenkilometern versetzt in einen müden-meditativen Zustand. Nach Bunyola, das nach einer halben Stunde erreicht wird, rattern wir mit dem Zug mitten durchs Gebirge. Rabenschwarz und weltenfern wird es in den zehn Tunnels, die wir nun mit polterndem Karacho durchfahren.


Es ist ein Gefühl, das man auskosten kann. Hier ist niemand unter Zeitdruck. Wer es eilig hat und Einheimischer ist, nimmt nicht die historische Bahn nach Sóller, sondern das Auto oder den Bus. Den jährlich rund einer Million Passagieren geht es fast ausschließlich um das besondere Reiseerlebnis.


Der Höhepunkt vor der Ankunft ist denn auch der Stopp an der Aussichtsplattform „Mirador des Pujol d‘en Banya“. Dort wird eigens einen Moment angehalten, damit der Postkartenblick auf das malerisch von Bergen umrahmte Sóller genossen und fotografiert werden kann. Wenig später taucht beim Blick durch das rechte Fenster das Meer am Horizont auf. Kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof passieren wir eine Zitronenbaumplantage, die Früchte zum Greifen nah. Auch die Ankunft nach insgesamt 60 Minuten ist stilgerecht. Das Bahnhofsgebäude scheint die Zeit genauso unbeschadet überstanden zu haben wie der Zug, der seine Jungfernfahrt am 16.4.1912 unternahm.

 

Aufgestiegen:

 

Der Bahnhof in Palma befindet sich in der C/. Eusebio Estada, 1.
Die Hin- und Rückfahrt nach Sóller kostet 17 Euro. Kinder bis drei fahren gratis, Kinder von drei bis sieben zahlen die Hälfte. www.trendesoller.com


Noch bis zum 6. Mai ist im Museum Can Prunera (C/. Lluna, 90) in Sóller eine Ausstellung zur Geschichte des Zuges anlässlich des 100-jährigen Jubiläums
zu sehen.

 

Alternative:

 

Unterwegs mit Bus und Bahn
Eine nostalgische Zugreise kann man auf Mallorca nur mit der Sóller-Bahn unternehmen. Kürzer und günstiger, aber ähnlich verträumt ist man im Anschluss mit der historischen Straßenbahn von Sóller nach Port de Sóller unterwegs (einfache Fahrt 4 Euro). Wer einfach nur von Palma nach Sóller will und statt der heimeligen Atmosphäre im 100 Jahre alten Zugwaggon gerne den Komfort eines mo- dernen Reisebusses in Kauf nimmt, kann auch für 5,60 Euro mit dem Bus hin und zurück fahren. Zug fahren kann man auf Mallorca auch mit einer zeitgemäßen Elektrobahn. Die Hin- und Rückfahrt Palma-Inca kostet etwa 3,60 Euro, die Hin- und Rückfahrt Palma-Manacor 4,90 Euro.

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