Sightseeing

Höhle Campanet: Abstieg in die Ewigkeit

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Campanet - Mallorca

In Campanet gibt es Tropfsteine ohne Brimborium – und zu jeder Jahreszeit angenehme Temperaturen

FRANK FELDMEIER. Das Empfangskomitee hat es sich auf den Stühlen vor dem Höhleneingang bequem gemacht. 14 Katzen verkürzen den Besuchern die Wartezeit, lassen sich bereitwillig streicheln und konkurrieren schnurrend mit der eigentlichen Attraktion – den Tropfsteinen der Campanet-Höhle. So beantwortet der Führer mit holländischem Akzent auch bereitwillig zunächst einmal Fragen zu den Haustieren, bevor es in den Untergrund geht. Alle Tiere seien natürlich geimpft und sterilisiert. Und alle haben einen Namen, nachzulesen auf einer Postkarte mit allen Exemplaren, die gegen eine Spende erworben werden kann.


Die Gruppe, die heute nur aus Deutschen besteht, ist überschaubar. Die Coves de Campanet stehen im Schatten der kommerzialisierten Drachenhöhlen oder der mit viel Hightech aufgemotzten Hams-Höhlen, die beide in Porto Cristo an der Ostküste zu finden sind. Hier, in bis zu 50 Metern Tiefe bei Campanet, gibt es weder Musik noch Lichteffekte: Die Leuchtröhren strahlen ein weißes, indirektes Licht auf die Höhlenwände, das manche Säle wie Winterlandschaften erscheinen lässt. Die Besucher staunen auch ohne Multimedia-Brimborium, etwa über einen vier Meter langen Stalaktiten mit nur vier Millimeter Durchmesser – den längsten so dünnen Tropfstein in ganz Europa, wie der Höhlenführer versichert.


Auf schmalen, mit Mäuerchen eingefassten Wegen geht es auf einem 400 Meter langen Rundkurs hinab und hinauf in der insgesamt 16.000 Kubikmeter großen Höhle. Erfahrene Besucher der Unterwelt haben ihre Jacke im Auto gelassen – egal, ob draußen Oktober-Regen, Januar-Kälte oder August-Hitze herrschen, liegt die Temperatur hier unten während der rund 40-minütigen Führung bei rund 20 Grad. Dass früher, bevor der Notausgang angelegt wurde, durchaus Luftströmungen durch die Stollen und Säle zogen, davon zeugen sogenannte exzentrische Formationen – kleine Tropfsteine, die in alle Richtungen gewachsen sind.


Solche physikalischen Prozesse erklärt der Führer ebenso wie die obligatorischen, bildhaften Assoziationen zu den Formationen, die da wären: Orgelpfeifen und Elefanten, Palmen und Buddhas. Die Attraktionen werden trotz Fotografierverbot auf vielen Fotos festgehalten. Schwarze Flecken auf den Spitzen einiger Tropfsteine zeugen zudem davon, dass einige Besucher glauben, die Formationen anfassen zu müssen. Fragile „Spaghetti-Stalaktiten“ sind deswegen vorsorglich mit einem Metallnetz geschützt.


Längst das Weite gesucht haben Fledermäuse, die früher hier lebten. Die Spezies Henrotius jordai – ein einheimischer, fleischfressender, blinder Käfer – ist eher von wissenschaftlichem Interesse.


Und vom Myotragus balearicus, einer seit mehr als 4.000 Jahren ausgestorbenen Ur-Ziege, deren Spuren bei der Entdeckung der Höhle gefunden wurden, ist nichts mehr zu sehen.


Dafür scheinen die Stalaktiten und Stalagmiten ein eigenes Leben zu führen, wenn auch im Zeitlupen-Tempo. Sie wachsen nicht nur von oben und unten, sie verbinden sich zu Säulen, zerbrechen wieder und geben den Blick auf die Jahresringe frei, knicken zur Seite, wuchern übereinander und verschwinden auch wieder, wenn es im Laufe der Jahrtausende nicht im richtigen Rhythmus tropft.


Wie die Höhle auf den mallorquinischen Bauern gewirkt haben muss, der sie im Jahre 1945 zufällig auf der Suche nach Wasser entdeckt hatte, davon können sich die Besucher nur eine ungefähre Vorstellung machen. Beim Gang nach draußen kommen die Besucher am ursprünglichen Eingang von damals vorbei – eine lange, dunkle Röhre, die wenig einladend wirkt. „Wer sich nicht an das Fotografier-Verbot gehalten hat, muss hier durch“, sagt der Führer – lässt uns dann aber doch durch den regulären Eingang nach draußen ins Tageslicht, wo die Katzen-Delegation schon die nächsten Besucher betreut.

 

Anfahrt:

Autobahn Palma-Sa Pobla, Ausfahrt 37, Tel.: 971-51 61 30, ganzjährig geöffnet außer 25.12. und 1.1., 10 - 19 Uhr (letzter Einlass 18 Uhr). Eintritt: 11,50 Euro, Kinder 6 Euro, www.covesdecampanet.com

 

Alternativen:

 

Höhlen für jeden Geschmack
Höhlen-Liebhaber können aus insgesamt fünf touristisch erschlossenen Coves auf Mallorca wählen. Die bekannteste ist ohne Zweifel die Drachenhöhle (www.cuevasdeldrach.com) in Porto Cristo. Hier gibt es keine wissenschaftlichen Erklärun- gen, dafür aber ein Konzert auf einem See in der Tiefe, auf dem zu Klängen der Barcarole von Jacques Offenbach Ruderboote übersetzen. In der weniger spektakulären Hams-Höhle im selben Ort (www.cuevas-hams.com) wird dagegen eine beeindruckende Video-Show über Jules Verne gezeigt.
Vor allem mit ihrem Meerblick in der Umgebung wuchern können die Coves d‘Artà (www.cuevasdearta.com). Eher unscheinbar, dafür garantiert nicht überlaufen sind die Coves de Gènova im gleichnamigen Viertel Palmas.

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