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Videokunst im Es Baluard: Angst als Hilfe

In neun Arbeiten setzt sich die Künstlerin Marina Núñez im Es Baluard mit Tod und Vergänglichkeit auseinander – und der Frage, warum wir uns als Gesellschaft dem Unausweichlichen widersetzen
18-03-2017 00:00
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Szene aus dem Video „Ofelia (Carmen)?. Foto: Es Baluard

Szene aus dem Video „Ofelia (Carmen)?. Foto: Es Baluard

Es passt natürlich zu einer Ausstellung, die vom Tod handelt, dass sie an einem Ort gezeigt wird, an dem es spuken soll. Zumindest hatte die spanische Künstlerin Marina Núñez nichts dagegen, ihre Videoarbeiten im Aljub des Museums Es Baluard auszustellen, nachdem ihr die Leiterin Nekane Aramburu von mysteriösen Vorgängen in den Mauern der alten Befestigungsanlage erzählt hatte. Und von den geheimen Tunneln, die unter der kompletten Stadt verlaufen sollen und auch Es Baluard erreichen.

„Phantasmas" (fantasmas, Gespenster) heißt die Werkschau, die die 1966 in Palencia geborene Künstlerin ab Freitag (10.3.) in Palma zeigt. Es ist ein weiterer Teil in der Ausstellungsreihe „Reproductibilitat", in der sich das Museum seit einiger Zeit mit Videokunst beschäftigt.


Die Angst vor dem Tod

Insgesamt neun Videos sind zu sehen, sechs davon hat Nuñez eigens für Es Baluard angefertigt: Es sind die mit den Gespenstern, die auf den Boden projiziert werden. Eines dieser Videos ist an diesem Dienstagmittag (7.11.), als die Ausstellung aufgebaut wird, schon zu sehen. Es zeigt ein Gesicht, das sich in einer Mischung aus Flammen und Rauch auflöst, bis sich dort, wo der Kopf war, ein schwarzer Fleck wie ein Tunnel in den Abgrund auftut. „Wir haben in der westlichen Gesellschaft die Vorstellung von der Seele, die getrennt vom Körper existiert. Diese Idee spiegelt aber im Grunde nur unsere Angst vor demTod wider."

Die anderen drei Videos sind älter, setzen sich aber auch in gewisser Weise mit Tod und Vergänglichkeit auseinander. Zwei zeigen Versionen von der ertrunkenen Ophelia. Die Videos stammen aus dem Jahr 2015. Die Frauen liegen am Strand, die Kamera filmt sie von oben. Bis sich auf ihren Gesichtern etwas wie Insektenschwärme bilden und wieder verschwinden. In einem der Videos bildet sich auch etwas geschwürartiges. Die Verfremdungen entstehen am Computer. Videos wie jene der Gespenster entwirft Núñez komplett am Bildschirm.

Zudem wird das Werk „Infierno" (Hölle) von 2012 gezeigt. Darin sieht man Flammen vor einem schwarzen Hintergrund. Immer wieder steigen Figuren auf, die versuchen, dem Feuer zu entkommen. Doch sie kommen nicht he­raus: Kaum haben sie eine bestimmte Höhe erreicht, verpuffen sie selbst als Flamme. „Das hat natürlich nur indirekt mit dem Tod zu tun, in dem Sinne, dass man tot sein muss, um in der Hölle zu landen. Im Grunde soll es aber zeigen, dass wir uns selbst nicht kennen und mit Dingen leben, die wir nicht verstehen. Wir wollen uns von diesen Dingen befreien, aber wir erkennen nicht, dass sie Teil von uns sind. Wir können dieser Hölle nicht entkommen."

Sie wolle zum Nachdenken bringen, sagt die Künstlerin. „Ein bisschen Unruhe und Beklemmung auszulösen, ist dabei manchmal recht hilfreich." Wobei man auf das Weltbild des Betrachters nicht nur über die Erschütterung
einwirken könne. „Natürlich vermögen das auch fröhlichere Werke. Genauso wie man einen weniger narrativen Ansatz wählen kann als ich", so die Künstlerin


Barock und Horrorfilme

Núñez Videos sind kurz, sie dauern vielleicht eine Minute, allerhöchstens drei. „Ich stelle mir meine Arbeiten wie Gemälde vor, die in Bewegung sind." Lange Filme machten ohnehin keinen Sinn für Galerien oder Museen. „Dafür gibt es die Kinos, die haben die richtige Infrastruktur."

Inspiration findet Núñez sowohl in der Malerei des Barock oder des Surrealismus, als auch in Horrorfilmen und der Literatur. „Ich lese sehr gerne, verbringe aber auch viel Zeit vor Bildschirmen. Ich glaube fest daran, dass Videokunst die der Zeit am meisten angemessene Kunstform ist. Wir leben in einer Welt aus digitalen Bildern. Das ist unsere Realität. Ich glaube, die Natur findet man nicht mehr im Wald, sondern eher in den Lichtern und den Bewegtbildern am Times Square in New York."

Das sagten ihr auch die Erfahrungen als Kunstprofessorin an der Universität Vigo. „Schauen Sie sich die jungen Leute an", sagt Núñez, die dort Semiotik lehrt. „Sie lesen nicht. Sie haben kein großes Interesse an Kunstgeschichte. Teilweise können sie nicht einmal richtige Kino­filme benennen, weil sie eher TV-Serien gucken."

Marina Núñez, Phanstasmas. Reproductibilitat 2.3., Es Baluard, 10.3.–9.4.

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