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Dorfcheck Esporles: Im Ranking ganz weit oben

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Esporles - Mallorca

Hübsch, jugendlich, kreativ, charmant – Esporles ist ein Vorzeige-Dorf

JUTTA CHRISTOPH

Das Dorf im Dorf
Wer die Hauptstraße von Esporles kennt, mit den hübschen Cafés, der plaça, dem Rathaus und der Kirche – der kennt Esporles trotzdem nicht. Der Aha-Effekt stellt sich erst ein, wenn man hinter dem Rathaus rechts um die Ecke biegt. Dort liegt das Dorf im Dorf Esporles, mit seiner Fußgängerzone Calle Nou de Sant Pere, in der Autos zwar passieren, aber nicht parken dürfen. Hier reiht sich ein schmuckes Häuschen an das nächste, man findet Bars (zum Beispiel La Bodega, Montag geschlossen), eine Fleischerei und Bäckerei, einen kleinen Friseur- und Fischladen, ein Restaurant (El Mesón La Villa, Mittwoch geschlossen) sowie mehrere Tante-Emma-Läden – in denen der selbst gebackene Kuchen noch auf dem Tresen auf einem Teller präsentiert und stückweise verkauft wird. Hässliche Plastikschilder sind hier verboten, entweder meißelt man seinen Namen in Stein oder Keramik oder lässt ein Metallschild mit schönem Schriftzug anfertigen. Es lohnt sich, nach links und rechts in die Gassen zu spazieren, über Mauern in üppige Gärten zu blicken, an einem Brunnen oder besonders kunstvollen Holztor zu verweilen. Während in vielen anderen Inseldörfern eine Art Ausverkauf stattfindet, sieht man an den mehrheitlich sorgfältig restaurierten Häusern in Esporles nur vereinzelt „Se vende“-Schilder.


Alle ziehen an einem Strang
Die einheitliche Fassade in Esporles ist keine oberflächliche Angelegenheit. Auch hinter den Mauern hält man zusammen. Das erzählt zumindest Pilar, die im Rathaus für Dorfaktivitäten verantwortlich ist. Die meisten Projekte würden von den Bewohnern angestoßen, wie aktuell die Renovierung des alten Theaters Casa de Poble, sagt die Beamtin, deren Schreibtisch vor einem riesigen Panoramafenster mit Bergblick steht. Das Theater wurde einst von den Besitzern der Textilfabriken erbaut, die früher zahlreich am Fluss von Esporles angesiedelt waren, und verfällt nun schon seit Jahrzehnten. Die Bewohner entschlossen sich zu handeln, verkaufen zugunsten der Renovierung gebrauchte Kleidung auf Flohmärkten und organisieren Ausstellungen. Auf Kinder­geburtstagen ist es jetzt sogar Mode, keine Geschenke mitzubringen, sondern Geld für den guten Zweck zu spenden. Pilar weiß von einer
Zwölfjährigen, die zu ihrer Geburtstagsfeier ein Sparschwein fürs Theater aufgestellt hat.


Spezialität Angus-Sandwich
Zurück auf der Hauptstraße machen wir nun doch noch Halt in einer der von Radfahrern gut besuchten Bars auf dem Passeig d‘el Rei – weil es im Cafè es Passeíg (Montag geschlossen) seit Kurzem ein Sandwich mit Fleisch vom Angus-Rind gibt. Es kommt für 7,50 Euro auf den Teller, verfeinert mit Salat­blättern, Tomaten und Käse. Das Bio-Fleisch stammt von der Farm Son Mayol in Esporles, das Sandwichbrot wird aus dem selben Teig gebacken wie llonguets, hat aber eine runde, flache Form und schmeckt noch würziger.


Viel kreatives Potential
An der Hauptstraße haben zwei junge Kreative ihre Werkstatt. Sebastià Rosselló restauriert in seiner fusteria alte Möbel (Tel.: 971-61 14 72). Aktuell arbeitet er an zwei Kommoden, von der die ältere aus dem 18. Jahrhundert zum ­Verkauf steht. Um das träge Geschäft aufzufrischen, bietet der Mallorquiner auch Trödel und Antiquitäten an. Darunter zwei zierliche goldene Jugendstil-Spiegel (Stück 100 Euro), einen schmiedeeisernen Kronleuchter (190 Euro) sowie ein Holzgestell, das für die matança benutzt wurde. Die ehemalige Funktion als Schlachtbank sieht man dem blank polierten Stück zum Glück nicht mehr an. Jetzt ist es ein originelles Untergestell für einen Tisch.
Ein paar Häuser weiter dekoriert Maria Luisa gerade ihr Geschäft um. Das 2nd chance (C/. Joan Riutort, 60) versammelt Möbel, Lampen und Wohnobjekte aus recycelten Materialien, angefertigt von der italienischen Künstlerin. Sie gestaltet Lampen aus Comics oder Sessel, deren Sitzfläche komplett aus Weinkorken bestehen. Im Dorf kursieren viele Ideen, so Maria Luisa, vor allem die Internationalität gefällt ihr.


Flüssiges Gold ab Hof
Das Olivenöl Es Verger in Bio-Qualität wird zwar auch in einigen Läden im Dorf verkauft, ein Besuch auf der Finca Es Verger lohnt sich aber doppelt (Schild von der Hauptstraße aus folgen). Erstens ist das kaltgepresste Öl hier günstiger ­(0,5 l
für 14 Euro) und Jaume Fullana, der charmante Sohn des Familien­betriebs, führt einen persönlich durchs Anwesen. „Gepresst werden die von Hand gepflückten Früchte bei nur 24 Grad“, erklärt Jaume – erlaubt wären für die Bezeichnung „kaltgepresst“ bis zu 40 Grad. Doch je höher die Temperatur, umso mehr Aromen gehen flöten. In den Verkauf kommt nur die Erstpressung, sie hat die beste Qualität. www.esverger.es


Auf nach Rio
Wer jetzt noch fit ist, parkt auf dem Rückweg ins Dorf sein Auto an einem unscheinbaren Eisentor (linke Seite), an dem ein Holzschild mit der Aufschrift Eremita hängt. Von hier sind es 1,5 Stunden zur Einsiedelei Maristella, von dort erreicht man das weithin sichtbare weiße Kreuz El cor de Jesús, das die Bewohner von Esporles liebevoll ihr kleines Rio de Janeiro nennen.
 

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