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Vollmondtour bei Alcúdia: Mit Trollen Cava trinken

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Alcúdia - Mallorca

Eine Tour auf der Halbinsel von Alcúdia birgt Überraschungen. Und ist ein echtes Naturerlebnis

JUTTA CHRISTOPH. Der Treffpunkt könnte nicht romantischer sein: Die kleine Bucht San Joan auf der Halbinsel von Alcúdia scheint in der Dämmerung zu schlafen. Die Sonnenliegen stehen verlassen im Sand, die Wellen plätschern ganz leise über die Kiesel. Hier treffen wir uns mit Masio Vicenç vom Grupotel Natur Can Picafort, der jeden Monat eine Vollmondwanderung organisiert. Mit maximal zehn Personen, die Lust haben, Mallorca und seine Geschichte mal aus einer anderen Perspektive zu erleben.


Der 53-jährige Mallorquiner breitet eine Decke am Strand aus, wir machen es uns gemütlich und warten darauf, dass der Mond aufgeht. „Je nach Jahreszeit treffen wir uns zu einer anderen Uhrzeit und an einem anderen Ort“, erklärt Tomasio Vicenç, der auf seinen Touren gerne ein wenig improvisiert, damit der Spaziergang für alle ein Erlebnis wird: für Erwachsene und Kinder, für Sportliche und weniger Bewegliche.


„Es gab einmal einen Troll aus Skandinavien, der sich am Kap Formentor niedergelassen hatte. Da er kein Sonnenlicht ertrug, konnte er nur bei Mondschein am Strand spazieren gehen und lebte die restliche Zeit in einer Höhle“, beginnt Tomasio Vicenç das erste Märchen zu erzählen. Der ­Mallorquiner kennt die Geschichte seiner Insel bestens, neben historisch belegten Daten und Ereignissen denkt er sich auch gerne eigene Märchen aus, um zum Beispiel geographische Besonderheiten zu erklären. Dazu gehört die Geschichte dieses Trolls, der sich hernach in einen Felsen verwandelt, weil er eine Frau am Strand beobachtete und vergaß, vor Sonnenaufgang in seine Höhle zurückzukehren. Und diesen Troll-Felsen kann man von unserem Strand aus zufällig perfekt sehen!


Oder die Geschichte von Mohamed, dem Araber, der sich unsterblich in das mallorquinische ­Mädchen Catalina verliebte, doch von dessen Vater gefangen genommen und auf eine Galeere geschickt wurde. Als Catalina sich wegen gebrochenem Herzen zu Tode weinte, wuchs an dieser Stelle ein Mandelbaum, dessen Früchte bitter schmeckten. Seitdem gibt es auf Mallorca Mandelbäume, die bittere Mandeln tragen.


Als der Mond hoch am Himmel steht, brechen wir zur Wanderung auf. Wir bleiben zunächst direkt am Wasser. Ohne Taschenlampen geht es über schmale Wege unterhalb der Grundstücke, die in erster Meereslinie liegen. Kein einziger Hund bellt, was uns ziemlich verwundert. Doch Masio erklärt, dass hinter den Zäunen Ferienhäuser stehen, dessen Besitzer keine Hunde halten, weil sie nicht immer auf der Insel leben.
Der helle Mondschein lässt uns die Konturen von Mauern, Sträuchern und Steinen mehr oder weniger erkennen. „Ich möchte, dass ihr euch auf eure Sinne verlasst“, sagt Masio, „gebraucht eure Hände zum Tasten und spürt mit den Füßen, wo ihr hintretet.“ Zuerst tapsen wir alle recht unsicher durch die Gegend, nach zehn Minuten kommt die Truppe schon schneller voran. Plötzlich zieht ein fieser Gestank an uns vorbei. „Das ist Seegras, etwas ganz natürliches“, erklärt unser Guide. Seegras stoppt die Wellen und schützt die Bucht vor Erosion. Auch für die Fische ist das Gras überlebenswichtig. Leider haben die Anker von Booten schon ziemlich viel Seegras zerstört.


„Seht ihr dort oben das kleine Licht“, fragt uns Masio und zeigt in Richtung Berg zur Ermita de la Victòria. „Dort lebte mal der ­Bruder Bernardo mit seinem Esel. Ins Dorf führte ein winziger Weg, den er jeden Morgen mit seinem Esel zurücklegte. Bis eines Tages …“ Wir lauschen Masios Geschichte und gehen zum kleinen Hafen von Bonaire hoch. Der puerto de Crocodilo heißt so, weil hier mal ein Krokodil ausbüxte, das nie wieder gefunden wurde. Masio beteuert, dass diese Geschichte diesmal wahr sei. „Als ich klein war, lebte ein Mann in Alcúdia, der damals schon die Zukunft des Tourismus auf Mallorca voraussah und an der Küste ein Kanalsystem anlegte. Auf den Kanälen ließ er Urlauber mit Ruderbooten herumfahren. Die Attraktion waren zwei Krokodile, an deren Gehege man vorbei ruderte. Bis eines Tages ein Krokodil Reißaus nahm und in den Kanal sprang. Es wurde nie wieder gesehen.“


Wir lachen und wissen nicht, ob wir Masio die Geschichte abkaufen sollen. Dann kommen wir am Chillout „5 Oceanos“ in Bonaire vorbei, das der bekannte Sänger Antonio Orozco zusammen mit seiner Frau eröffnet habe. Diesmal glauben wir unserem Guide. Wir laufen weiter durch die Siedlung Es Mal Pas, die auch als deutscher Hügel von Alcúdia bezeichnet wird. Als General Franco in den 60er Jahren Geld brauchte, wurde die Halbinsel für wenig Geld an Ausländer verkauft. Heute sind die Grundstücke hier unbezahlbar – ebenso wie der Blick aufs Wasser und das Kap Formentor.


Bevor wir eine lange steile Treppe zum Meer runter gehen, zeigt uns Masio Vicenç noch das „Paradox of Life“: Eine prunkvolle Villa, die von zehn Kameras überwacht wird. Solche Paranoia käme vom vielen Geld, glaubt der ­Mallorquiner. „Mit einem glücklichen Leben hat das für mich nicht mehr viel zu tun“, sagt er nachdenklich. Es beginnt eine rege Unterhaltung in der Gruppe – über Reichtum, Glück, das Leben im Süden. Wir steigen diskutierend die Stufen herab und erreichen einen großen Felsen, den Masio für unser Picknick ausgesucht hat. Unser Guide hat schon die Decke ausgebreitet, die hell vom Mond erleuchtet wird, ein paar Snacks  und Cava arrangiert. Mit Blick aufs Meer stoßen wir zuerst auf den Mond an. Dann auf Masio. Und zum Schluss auf das Glück, in dieser Nacht an einem so schönen Ort zu sein.

 

Infos

 

Die nächsten Vollmondwanderungen mit Picknick finden am 28., 29. und 30. Oktober statt. Mit max. 10 Personen, in Spanisch und Englisch. Preis: 40 Euro p. P. Organisiert vom Grupotel Natur, Can Picafort. Anmeldung: Tel. 971-85 28 15.

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