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Einmal zu den Wolken und zurück

Am Strand entlang zu galoppieren ist der Traum jedes Reiters? Pah! Wir wissen da etwas Spannenderes: einen dreitägigen Bergtrail hoch zu Ross von Caimari über Lluc bis Pollença
16-06-2018 23:00
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Der dreitägige Bergtrail führt zu den Gipfeln des Puig de Galileo. Hier reitet man mit dem Kopf in den Wolken. Foto: Hipica Formentor

Der dreitägige Bergtrail führt zu den Gipfeln des Puig de Galileo. Hier reitet man mit dem Kopf in den Wolken. Foto: Hipica Formentor

Die Reise führt uns von Sa Pobla über Campanet, Binibona und Caimari zum Kloster Lluc. Über Feldstraßen, Autokreisel, Dorfgassen, Waldwege und steinige Treppenpfade. 27 Kilometer auf vier Hufen liegen am ersten Tag vor uns. Elf Reiterinnen, ein Reiter. Und zwölf robuste, straßensichere Pferde.

Schon der Name klingt vielversprechend: Hípica Formentor. Dabei ist er irreführend. Weil der Reitstall nicht am nördlichsten Punkt der Insel liegt, da wo sich die Winde treffen, sondern weiter südlich in der Gemeinde Sa Pobla. Dreimal ist Lorenzo Crespi (46) mit seinem Reitstall umgezogen, den Namen hat er mitgenommen: vom Hotel Formentor, wo er den Stall vor 20 Jahren eröffnete, nach Pollença und weiter in die grünen Gemüsefelder von Sa Pobla, wo er für seine 30 Pferde ein Stück Land erwarb.

Dort treffen wir uns an einem Sonntagmorgen um halb zehn. Eine bunt gemischte Gruppe von Reitern aus Deutschland, England, Finnland. Alle sattelfest genug, um ein bis drei Tage durch die Tramuntana zu reiten. Den sogenannten „Mountain Trail" bietet Lorenzo Crespi in Gruppen von acht bis zwölf an. Man hat die Möglichkeit, einen Tag mitzureiten oder – die bessere Entscheidung – drei Tage Reiten, Übernachtung und Verpflegung zu buchen (Tagesausritt 139 Euro, drei Tage 675 Euro).

Egal welche Variante man gewählt hat, zunächst lernen Pferd und Reiter sich kennen. Putzen, Hufe auskratzen, satteln und die Satteltaschen befestigen. Darin passt das Nötigste wie Sonnencreme, Taschentücher, Fotoapparat und eine kleine Wasserflasche. Das übrige Gepäck geht in den Minibus, wir sitzen auf. Und traben schon bald auf Feldwegen entlang von Salatköpfen Richtung Campanet. Um längere Asphaltstrecken möglichst schnell hinter uns zu lassen, überfliegen wir den harten Untergrund im leichten Galopp. Was uns nordeuropäischen Reitern eher ein ungutes Gefühl bereitet, sind wir doch gewohnt, im weichen Sand, über Felder und Waldwege zu galoppieren. Außerdem tragen Lorenzos Pferde keine Hufeisen, weil er findet, dass ein Hufbeschlag den natürlichen Hufmechanismus und das Tastgefühl des Pferdes einschränkt.

In England lernte der Mallorquiner aus Sa Pobla Pferde artgerecht zu halten. Er trainierte dort ein Jahr lang Rennpferde. Zurück auf der Insel eröffnete er den Reitstall. Die vorwiegend englische Klientel konnte er fortan in fließendem Englisch empfangen. Zu einer natürlichen Reitweise gehört für ihn neben dem Barhuf auch eine gebisslose Trense, also kein Metall im Pferdemaul. Die Tiere tragen beim Ausritt ein so genanntes sidepull, einfach gesagt eine Art Halfter, das auf die Nase des Pferdes wirkt und an dem seitlich vom Maul Zügel befestigt sind. „Vorkenntnisse fürs sidepull braucht man nicht", hatte Lorenzo Crespi beim Losreiten erklärt. Der Reiter lenkt sein Pferd damit wie gewohnt, nur zum Bremsen muss man etwas fester ziehen.

Wie fest, das finden viele von uns Reitern erst beim zweiten oder dritten Mal Galoppieren heraus. Bis dahin preschen einige der Pferde immer wieder aus der Reihe und nach vorne zur Spitze. Gefährlich ist das auf den breiten Spazierwegen nach Binibona nicht. Und bis Caimari galoppiert die Gruppe schon fast routiniert über die asphaltierte Dorfstraße mitten in den Ort hinein.

Im gemäßigten Schritt geht es zum Poliesportiu Caimari. Im Becken des öffentlichen Freibads befindet sich zwar noch kein Wasser, doch das Restaurant ist am Sonntagmittag schon gut besucht. Die Pferde binden wir unter Bäumen fest, lockern die Sattelgurte und lassen sie im Schatten ausruhen. Für die Reiter ist ein großer Tisch auf der Terrasse gedeckt, es gibt Paella, Wein, Mandelkuchen, Kaffee. Statt einer Siesta wird nach eineinhalb Stunden wieder aufgesattelt, jetzt beginnt der interessante Teil des Ausflugs, der Aufstieg nach Lluc. Wie früher die Eisbeschaffer mit ihren Eseln schlagen wir den alten Weg zwischen Lluc und Caimari ein. Vor Erfindung der Kühlschränke wurde er dazu genutzt, Eis aus den Eishöhlen der Berggipfel ins Dorf zu bringen.

Wir passieren schattige Kiefern- und Steineichenwälder, kommen an Holzkohleplattformen und Kalkbrennöfen vorbei. Der holprige Weg windet sich in Serpentinen in die Höhe, unsere Pferde nehmen trittsicher Stufe für Stufe. Auf dem Höhenweg eröffnen sich weite Blicke über die Insel Richtung Port d'Alcúdia. An einer Aussichtsstelle werden endlich Fotos geschossen, wenige Meter von der Böschung entfernt, die steil nach unten fällt. Eine gute Gelegenheit, daran zu erinnern, jede Sekunde im Sattel präsent zu sein. „Und hintereinander in einer Reihe reiten", sagt Lorenzo Crespi.

Auf den letzten Metern zum Kloster passieren wir den Coll de Sa Bataia und die wohl bekannteste Tankstelle Mallorcas, beobachtet von amüsierten Fahrradfahrern, die sich hier wie üblich mit Getränken und Schokoriegeln eindecken. Erhobenen Hauptes schreiten wir an den Drahteseln vorbei, biegen in eine ruhige Seitenstraße ab, die uns zum Kloster von Lluc führt.

Das erste Tagesziel ist ereicht, wer den dreitägigen Bergritt gebucht hat, bringt sein Pferd auf ein eingezäuntes Stück Land und checkt anschließend gemütlich im Hotel ein. Wir anderen binden die Pferde in der Nähe des Parkplatzes fest, sie werden im Transporter zum Stall zurückgebracht, wir folgen im Minibus. An den Gesichtern erkennt man, wer das Glück hat, am nächsten Tag weiterzu­reiten. Wir anderen gucken betrübt und sind neidisch. Wir würden gern noch einen Tag Tramuntana anhängen, den 1.200 Meter hohen Puig de Galileo zu Pferd besteigen, den Himmel nach Adlern und Geiern absuchen, zur riesigen Eishöhle Galilea reiten und auf einer Plattform im schroffen Felsen Fotos von uns mit dem Kopf in den Wolken schießen – um sie per WhatsApp an die Liebsten zu Hause zu verschicken. Nach einer weiteren Nacht im Kloster würden wir am dritten Tag noch mal gut 20 Kilometer bis Pollença reiten, „die Strecke führt durch liebliche Landschaft entlang eines schattigen Flußbetts", erzählt Lorenzo Crespi als wir schon im Minibus sitzen. Wir schauen aus dem Fenster und träumen uns zurück auf den Pferderücken. Beim nächsten Mal sind wir mit dabei ...

Hipica Formentor
Camí Son Pere, s/n
Sa Pobla
www.hipicaformentor.com

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