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Kritik an Männern und am Tourismus im Es Baluard

Imma Prieto, die neue Leiterin des Museums, debütiert mit einem Trio von Künstlerinnen: Ana Vieira, Martha Rosler und Marina Planas
03-03-2020 00:00
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Nutzlos herumstehende Stühle als Sinnbild für eine der Gesellschaft ausgelieferte Schutzlosigkeit: der „Wartesaal

Nutzlos herumstehende Stühle als Sinnbild für eine der Gesellschaft ausgelieferte Schutzlosigkeit: der „Wartesaal" von Ana Vieira, 2014. Foto: Es Baluard

Kann man ein Hotelzimmer im wichtigstem Museum für zeitgenössische Kunst auf Mallorca buchen? Ja, man kann. Ein Gag, der ein Werk der jungen mallorquinischen Künst­lerin ­Marina Planas ergänzt: Die 1983 in ­Palma geborene Planas hat in ihrer Installa­tion ein ­Hotelzimmer imitiert, das sie tatsächlich auf Airbnb anbieten wird. Der Gast kann sich einen Tag zu den Öffnungszeiten des ­Museums in dem „Zimmer" der Installation aufhalten, ins Bett gegenüber dem fake beach – einer ­riesigen Fotowand mit einem Traumstrand – legen und Videos mit Szenen von ­Balkonstürzen anschauen. Vor allem kann er die Fotowand mit 160 Bildern und ebenso vielen ­Texten studieren, die wie die Ausstellung den Titel „Kriegerische Ansätze im Tourismus: all-inclusive" trägt.

Marina Planas greift auf den Fundus ihres Großvaters, dem Gründer des legendären ­Fotoladens „Casa Planas", zurück. Die Fotografien aus den 50er-, 60er- und 70er-Jahren ergänzt sie mit Instagram- und anderen Bildern aus Vergangenheit und Gegenwart und bestückt sie mit erklärenden (Internet-)Texten. Dabei nutzt sie nicht nur Fotos von Mallorca als Urlaubsziel für die Massen. Es geht um das Phänomen des Massentourismus im All­gemeinen und, so die Künstlerin, „auch um die massive Überflutung durch Bilder und ­Werbung". Ihre Themen sind die Macht multinationaler Tourismuskonzerne, die Instrumentalisierung durch die Politik, das große ­Geschäft dahinter, Arbeitsbedingungen, Umweltverschmutzung und immer wieder das Bild der Frau, als Fotomodell im Bikini am Strand ein zeitlos beliebtes Werbeobjekt.

Während die Installation von Marina ­Planas im oberen Stockwerk vom Es Baluard zum Nachdenken anregt, erhebt die amerikanische Protestkünstlerin Martha Rosler (Jahrgang 1943) im Erdgeschoss auf ihre Weise ihre Stimme gegen eine überwiegend von Männern geprägte Welt. „Wie sind wir nur hierhergekommen?" heißt die Ausstellung der New Yorkerin, die als eine Pionierin der Videokunst gilt und auch für ihre Fotografien, Fotomontagen, Performances und Installationen internationale Anerkennung genießt.

Sie sei nicht nur eine „Super-Feministin", wie Es-Baluard-Direktorin und Kuratorin Imma Prieto bei der Präsentation der drei Ausstellungen am Mittwoch (19.2.) betonte, sondern spreche sich im selben Maße gegen Rassismus aus. Außerdem nehme sie den Feminismus selbst unter die Lupe: „Schließlich haben viele Frauenrecht­lerinnen in den USA dominikanische Haus­angestellte", sagt Prieto. Roslers Videos von bunter Wäsche im Wind wirken zunächst harmlos, aber spätestens, wenn die Künstlerin als Hausfrau getarnt in einem Schwarz-Weiß-Video das Küchenmesser zückt, merkt man, dass es ihr ernst ist.

Um Hausfrauen und ihre (undankbare) Rolle geht es auch im Untergeschoss des Museums. Auf diese Ausstellung ist man hier besonders stolz: „Das Heim und die Flucht" mit Installationen, Videos und Grafiken ist die ­erste Einzelausstellung der portugiesischen Künstlerin Ana Vieira außerhalb ihres Heimatlandes. Die 1940 in Coimbra geborene und 2016 in Lissabon verstorbene Künstlerin betrachtet den Haushalt wie einen architektonischen Raum. Klar wie ihre Linien zeigen ihre Werke Grenzen – als Metapher für die Frau am Herd, deren Rolle klar definiert und eingegrenzt ist. Die Installationen werden mit Zitaten der Künstlerin untermalt, indem sie ­beispielsweise sich und ­ihren Körper als architektonischen Plan ­bezeichnet. Ist Blau im Spiel, so steht diese Farbe – wie die Silhouette einer Frau auf der Installa­tion einer Treppe – für Freiheit.

Auch das Thema der Transparenz war Ana Vieira wichtig: Was dürfen wir sehen und was nicht? Der Betrachter kann dafür zur Lupe greifen oder einen voyeuristischen Blick hinter ein Bild mit Spiegeln wagen. Nutzlos herumstehende Stühle und Möbel, aus denen ihr Innenleben herausquellt, stellen Sinnbilder für eine der Gesellschaft ausgelieferte Schutzlosigkeit dar. So wie die nicht enden wollende Videoschleife einer gezeichneten, rennenden Frau, die scheinbar eine unmögliche Flucht verdeutlicht.

Drei kritische weibliche Stimmen also, die als spannendes Trio jede für sich die neue ­Dynamik im Es Baluard unterstreichen. Denn die neue Museumsdirektorin Imma Prieto hat viel vor, und sie hat auch das Konzept ver­ändert: In ­Zukunft werden immer drei Aus­stellungen zeitgleich eröffnet, unter denen stets ein balearischer Künstler beziehungs­weise eine balearische Künstlerin sein soll.

Vernissage am Donnerstag (20.2., 19 Uhr), Ausstellung bis 10. Mai (Di.–Sa. 10 bis 20 Uhr, So. 10 bis 15 Uhr). Eintritt: 4,50 Euro, bei Anreise per Fahrrad 2 Euro. Freitags entscheidet jeder selbst über den Preis.

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