Nachrichten | Agenda

Stargeiger Ara Malikian im Interview: "Sich ständig neu erfinden"

Ara Malikian, der Ausnahmegeiger, ist wieder da. Am Mittwoch (1.8.) spielt er auf Mallorca.
28-07-2018 23:00
0 Stimmen

"Dann existiert nur die Bühne, meine Musik und das Publikum": Ara Malikian 2017 auf Mallorca. Foto: B. Ramon

Der Violinist Ara Malikian (Beirut, 1968) ist armenischer Abstammung und verbrachte einen Teil seiner Kindheit und Jugend im Libanon. Während der Bürgerkrieg tobte, musste er unter anderem im Luftschutzkeller üben. Vom Orchester-Direktor Hans Herbert Jöris gefördert, erhielt er später ein Stipendium an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, wo er mit fünfzehn Jahren der jüngste jemals zugelassene Schüler war. Malikian lebt schon lange in Madrid, kommt seit Jahren zu Konzerten nach Mallorca und tritt am Mittwoch (1.8.) in Port Adriano auf. Ein neues Album ist für 2019 geplant.

Mit welchem Repertoire werden Sie bei dem Konzert aufwarten?
Ich erzähle die Geschichte der Violine mit Stücken von klassischen Komponisten wie Bach, Mozart und Paganini bis hin zu zeitgenössischen Künstlern wie Jimi Hendrix, Led Zeppelin oder David Bowie. Und ich spiele auch Eigenes.

Sie touren weltweit. Welcher Ort ist Ihnen besonders in Erinnerung?
Für mich ist das Entscheidende, Violine zu spielen, das Wann und Wo ist dabei zweitrangig. Sobald ich die Bühne betrete, verfalle ich in einen Trance-ähnlichen Zustand und verliere den Bezug zum Land oder der Stadt, in der ich mich gerade befinde. Dann existiert nur die Bühne, meine Musik und das Publikum.

Ihre Shows können gut und gerne zweieinhalb Stunden dauern. Wie bereiten Sie sich darauf vor und hat die an sich ungewöhnliche Haltung der Violine nach all den Jahren Kontrakturen bei Ihnen hervorgerufen?
Ich versuche, mich generell in Form zu halten. Besonders wichtig sind Flexibilität und Dehnübungen, weil die Haltung des Halses nicht normal ist. In all den Jahren habe ich lediglich ein einziges Mal während eines Konzertes eine Verletzung erlitten.

Ihre Rituale oder Ticks, wenn Sie die Bühne betreten?
Ich vergewissere mich, dass der Reißverschluss meiner Hose auch wirklich geschlossen ist!

Gibt es einen Ara-Malikian-Stil?
Schwierig. Ich spiele sehr viele verschiedene Stile, wobei ich niemanden zu imitieren versuche, sondern den Stücken meinen Stempel aufdrücke. Dabei verhält es sich ähnlich wie bei meinen Emotionen: Ich fühle mich keinem Land zugehörig, sondern vielen Orten und Kulturen.

Wovon lassen Sie sich beim Komponieren inspirieren?
Meist von ganz alltäglichen Dingen. Das kann etwa ein Baum sein. Und man weiß nie, wann die Inspiration eintritt, das kann auch bei einem gemeinsamen Essen oder dem Schwelgen in Erinnerungen sein.

Wenn die Möglichkeit bestünde, sich mit einem klassischen Musiker oder Komponisten zu treffen, wen würden Sie bevorzugen?
Vermutlich Paganini, der das Violinspiel zu revolutioniert hat. Außerdem fasziniert mich seine mysteriöse Persönlichkeit und sein Leben, das bis heute niemand wirklich hat erschließen können.

War die Musik auf Ihrem Lebensweg eine Art von Therapie?
Nein. Es war eine Form des Überlebens. Dank ihr konnte ich den Libanon verlassen. Ohne sie wäre es für mich praktisch unmöglich gewesen, nach Deutschland zu kommen, dort zu arbeiten und zu reisen, ein eigenes Leben aufzubauen. Und genau das ist mir bis heute geblieben: der Versuch, mich ständig neu zu erfinden!

Wie beurteilen Sie die Flüchtlingsdebatte?
Mit großer Beunruhigung. Vor einigen Jahrzehnten ging es vielen Europäern genauso wie den Flüchtlingen, die jetzt aus Afrika oder dem Mittleren Osten zu uns kommen. Damals wurden viele aufgenommen, es wurde ihnen geholfen. Ich finde es sehr traurig, dass die Erinnerung nur so kurz zurückreicht und nun die Grenzen geschlossen werden. Migration ist keine politische oder ökonomische Frage, sondern eine humanitäre Aufgabe. Denn jeder Mensch,
der sich plötzlich gezwungen sieht, sein Leben zu riskieren, hat seine eigene Geschichte und Familie. Es ist unsere Pflicht, Ihnen zu helfen.

Sie haben unter anderem im Libanon, in Deutschland, England und Spanien gelebt. Welche Eigenschaften würden Sie jedem dieser Länder zuschreiben?
Die Unterschiede zwischen den Ländern sind das Wundervolle. Von jedem Ort, an dem ich gelebt habe, trage ich ein Stück in meinem Herzen. Genau das ist es, was der Einzelne lernen kann, das Anderssein zu respektieren und als Persönlichkeit zu wachsen.

Würden Sie Ihrem vierjährigen Sohn eine Musikkarriere wünschen?
Ich habe nicht den starken und auch mitunter sturen Charakter meines Vaters, der mich dazu zwang, jeden Tag viel Stunden zu üben und mich für die Musik aufzuopfern. Ich möchte, dass mein Sohn eine normale Kindheit hat, in der er glücklich aufwächst und viele Freunde hat, mit denen er spielt. Er soll das machen, was er für richtig hält. Wenn er dann zur Violine greifen sollte, würde mich das natürlich freuen und ich würde ihn unterstützen.

Welche Musik hören Sie privat?
Von allem etwas, Jazz und auch Rock sicherlich ein bisschen mehr. Allerdings erwische ich mich selbst dabei, dass ich immer unter meinem beruflichen Interesse zuhöre. Ich versuche, die Musik zu analysieren und zu verstehen, auch die, die mir anfangs nicht zusagt.

Die lange Mähne ist eines Ihrer Markenzeichen. Unter welchen Umständen würden Sie sich von ihr trennen?
Es ist wahr, dass ich seit über 30 Jahren lange Haare habe, aber ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch offen für alles sein sollte. Falls ich eines Tages meine Haare schneiden lassen müsste, könnte ich damit genauso gut leben wie mit einer Glatze.

Ara Malikian tritt am Mittwoch, 1.8., in Port Adriano auf. Einlass 19 Uhr, Beginn 21.30 Uhr, Karten ab 54 Euro.

Compartir en Twitter
Compartir en Facebook

VERANSTALTUNGEN SUCHEN