Sightseeing

(K)eine Hochzeit und zwei tote Dichter

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Campanet - Mallorca

Campanet tratscht weiter über die Trauung von James Blunt. Ansonsten beschäftigt man sich auch gerne mit sich selbst

Die Plaça Major von Campanet ist eine Mischung aus Terrasse und Kinder­spielplatz – ohne Spiel­geräte. Geländer, Bänke und ausreichend Freifläche zum Herumdüsen mit Bobbycar oder Laufrad machen dieses Manko wett. An einer Seite wird der Platz von der Pfarr­kirche Sant Miquel begrenzt – deren hübsche, aber an sich unbedeutende Zweigstelle, die Kapelle Ermita de Sant Miquel etwas weiter unten im Dorf, es jüngst in die Schlagzeilen der internationalen Klatschpresse geschafft hat.


Wo wird denn nun geheiratet?
Schuld daran sind die Gerüchte um ein Ereignis, das eigentlich mindestens als „die Hochzeit des Jahres“ in die Insel-Annalen eingehen sollte: Der britische Schmusesänger James Blunt wolle seiner Verlobten Sofia Wellesley angeblich im beschaulichen Campanet, wo die Eltern der Enkelin des Duke of Wellington ein Anwesen besitzen, das Ja-Wort geben, hieß es bereits vor Monaten. Dann auf einmal war von einer Megaparty auf Ibiza die Rede, dann von einer Kombination aus beidem. Und schließlich verkündete die englische Yellow Press Anfang September Vollzug – von der Öffentlichkeit unbemerkt. „Richtig, die Hochzeit war schon“, bestätigt ein Mallorquiner mittleren Alters, der in der Bar Sa Galeria am Tresen sitzt. „Da unten, in einer Finca ein bisschen außerhalb“, deutet er aus dem Fenster.


Vor der zweiten Bar am Platz, Es Club, wird eine andere Version diskutiert. Während ein Gast davon überzeugt ist, dass die Promi-­Trauung am kommenden Wochenende stattfinden werde – „das habe ich im Urin“ – glaubt der schmächtige Kellner mit Brille zu wissen, dass das ganze Spektakel definitiv abgesagt wurde. „Das hat mir zumindest einer von der Guardia Civil erzählt.“ Und wo sollte das Paar auch heiraten, wo doch die Kapelle wegen ­Sanierungsarbeiten geschlossen ist.


Ruhe – außer es regnet
Das fragen sich auch Antònia Brotad und Esperanza Barrera, die sich auf der Plaza einen Kaffee plus Zigarette genehmigen. „Ich hab‘ gehört, dass der Pfarrer sich im Rathaus beschwert haben soll“, sagt Antònia. Empört habe er der Bürgermeisterin mitgeteilt, warum er erst aus den Zeitungen von Blunts Hochzeitsplänen erfahren musste. Dabei hätte das Paar zuallererst bei ihm anfragen müssen, ob er denn überhaupt bereit sei, sie zu trauen, erzählt die Mallorquinerin, die vor elf Jahren von Alcúdia nach Campanet gezogen ist. Eine Zugezogene? Wird man denn da überhaupt akzeptiert? Nun: „Meine Mutter ist von hier.“ Ansonsten könnte es mit der ­Integration schwierig werden. Zu den Ausländern im Dorf, von denen es zwar einige gebe, habe man nämlich kaum Kontakt, bestätigt Esperanza. „Meine Nachbarn sind Deutsche, aber mit denen habe ich noch nie gesprochen.“


Und wie lebt es sich so in Campanet? „Ruhig, hier ist nicht viel los“, sagt Antònia. Außer die Quellen sprudeln mal wieder. Die Ses Fonts Ufanes, die ein paar Kilometer außerhalb im Wald liegen, bieten immer dann, wenn es in den Bergen innerhalb kurzer Zeit viel regnet, ein erstaunliches Naturschauspiel – das in der Regel die halbe Insel sehen will. Dass das regelmäßig für ein Verkehrschaos sorgt, seien die Einheimischen längst gewohnt. „Aber das letzte Mal, im Frühjahr, war so viel Polizei im Einsatz wie nie zuvor“, erinnert sich Antònia. „Da dachte ich, jetzt sind alle verrückt.“


Man spricht Deutsch
Bar Nummer 3 an der Plaça, das Cas Reto, füllt sich ab 19 Uhr rapide. Zu einem Altherren-Stammtisch, an dem schon den ganzen Nachmittag in reinstem, schwerst verständlichem mallorquín das Dorfgeschehen durchdekliniert wird, gesellen sich einheimische Pärchen, ein paar englische Ladys höheren Semesters, zwei deutsche Urlauber mit Kind, noch mehr Urlauber. „Im Sommer füllt sich das am Abend alles mit Touristen“, sagt Pep, der sich als „Quasi-Chef“ der Bar ausgibt. „Das liegt daran, dass es in der Gemeinde sehr viele Ferienhäuser gibt.“ Und auch so mancher Gast aus dem noblen Landhotel Monnaber finde ab und an den Weg hinauf ins Dorf. „Die wollen doch auch mal Abwechslung“, sagt Pep. Deftiges pa amb oli statt Fünf-Sterne-Luxus. Wobei Kellnerin Magdalena ja eigentlich ensaladilla mit Leber empfiehlt. Wer‘s mag. Sie spricht erstaunlich gut Deutsch und erzählt auf Nachfrage auch gerne breit und ausführlich, wie es dazu kam. In jungen Jahren habe sie eine Zeit lang in Berlin gelebt. „Diese Stadt ist einfach toll.“ Und die Familie, bei der sie damals gewohnt habe, komme sie heute noch gelegentlich auf Mallorca besuchen. Abgesehen davon und den paar Monaten im Sommer, in denen sie in der Bar jobbt, komme sie leider nicht mehr zum Deutsch-Üben. „Jetzt sitze ich wieder hier in Campanet“, sagt Magdalena und untermauert das mit einem tiefen Seufzer.


Das Dorf der Schriftsteller
Als ob es daran etwas zu bedauern gäbe, würde Pedro sagen, der inzwischen auf der Terrasse der Bar Es Club Platz genommen hat. Er habe sein ganzes Leben hier verbracht und sei stolz darauf. Ganz in der Nähe von Campanet liege nicht nur die bekannte Höhle, die zum Pflicht­programm vieler Mallorca-Urlauber gehört: Der Ort habe auch zwei Dichter hervorgebracht. Das Konterfei des einen, Miquel dels Sants Oliver, prangt am Rathaus. Weil der Schriftsteller, der auch journalistisch – unter anderem für die Festland-Zeitungen „La Vanguardia“ und „ABC“ – tätig war, in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag gefeiert hätte, veranstaltet die Gemeinde regelmäßig Vorträge und andere Aktivitäten. „Aber der hat nicht hier gelebt“, erklärt Pedro, und es klingt fast ein wenig vorwurfsvoll. „Siehst du die Büste dort neben der Kirche?“ Sie erinnert an Llorenç Riber, geboren 1881 in Campanet, Mitglied der Dichterschule Escola Mallorquina und gestorben 1958 – in Campanet. 

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