Sightseeing

Raixa: Kein Schäferstündchen für den Kardinal

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Bunyola - Mallorca

Rechtzeitig zur Frühjahrsblüte sind die Gärten des Landgutes Raixa zu besichtigen. Ein Rundgang

BARBARA POHLE

Wenn sich das zweiflügelige Fenster des Raixa-Gebäudes öffnet und den Blick auf den jardín de la loggia freigibt, ist das (nicht nur) für den Gartenliebhaber ein umwerfender Augenblick. Auf einem Halbrund zeigen die vier Spitzen der von Gamandersträuchern gesäumten Rosenbeete zu einer Quelle in der Mitte. In Form geschnitten sind ebenfalls Myrten- und Mastixstauden.


Dieser Blick war der Öffentlichkeit bislang weitgehend verwehrt. Zwar ist Raixa seit nunmehr rund zehn Jahren ein öffentliches Landgut, nachdem Inselrat und Landesregierung per Vorkaufsrecht der ebenfalls interessierten Designerin Jil Sander zuvorgekommen waren. Doch während der Restaurierungs- und Sanierungsarbeiten war die Finca, die als eine der schönsten auf Mallorca gilt, nur an einzelnen Tagen geöffnet. Jetzt sind auch die Garten­anlagen wieder hergerichtet.


„Ornamental verlegte flache Steinreihen begrenzen die Beete“, sagt Antonio Garcías-Delgado. Mit einem Historiker-Team war der Landschaftsarchitekt für die Neugestaltung der Jardines de Raixa verantwortlich. „Nachdem es bei der Restaurierung der Gebäude so viel Kritik gehagelt hat, ließ man uns bei der Garten­gestaltung wenig Freiheit“, sagt der 65-Jährige. Vom alten Garten sollte möglichst viel erhalten bleiben.


Bei den ornamentalen Steinreihen im Loggia-Garten war man sich jedoch sofort einig, dass sie die Basis­struktur für den Grundriss liefern. „Vor der Schließung 2001 wuchs hier eine wilde Pflanzen­mischung“, sagt Garcías-Delgado. Mit den Jahren hatten sich vier verschiedene Gestaltungen übereinander angesammelt. Die Schichten mussten abgetragen werden, bevor die im 19. Jahrhundert verlegten Steinreihen zutage kamen. Das dauerte. Fünf Jahre arbeitete man an der Garten­restaurierung, das Ergebnis kann sich sehen lassen.


Nach Süden begrenzten das Areal hohe Zypressen. Zu ihren Füßen pflanzte man lange Reihen des – voraussichtlich im Mai weiß und blau blühenden – Agapanthus. Dahinter wachsen etwas höher Schwertlilien, die derzeit noch zögerlich ihre violetten Blüten öffnen. Hinter den beiden Frühlingsblühern steht eine Myrten-Hecke. Es wird nicht mehr lange dauern, bis man ihre weiße Blüten bewundern kann.


Doch der Loggia-Garten ist nur einer der Höhepunkte beim Rundgang durch den Garten. Raixa bietet auf 52 Hektar neben Land- und Forstwirtschaft nicht nur einen, sondern mehrere Gärten. Der offizielle Rundgang für die Besucher beginnt nach einer provisorisch ausgeschilderten, holprigen Anfahrt auf einem riesigen Parkplatz. Hier befindet sich der neue Eingang zum Landgut. Der Zugang ist auf der einen Seite von einer Mauer begrenzt auf der anderen breiten sich Obstgärten aus, in denen einheimische Sorten wachsen. Darauf folgt ein Zitrus- und ein Weingarten, in letzterem wachsen kürzlich gestutzte Malvasia-Rebstöcke.


Auf einer provisorischen Brücke quert man den jardín secreto. Rechter Hand führen Treppenstufen zu einem lauschigen Versteck. Durch einen Gemäuerschlitz hatte man von drinnen einen Überblick, wenn sich jemand näherte. Wer jedoch auf die Idee kommt, dass hier der Gründer des Gartens, Kardinal Antoni Despuig i Dameto (1745-1813) seine Schäferstündchen verbrachte, irrt. Die Idee zu Haus und Garten stammt zwar von dem Italienversessenen geistlichen Würdenträger, doch dieser starb, bevor sein Neffe Haus und Garten fertigstellen konnte. 

 

Fotogalerie: Rundgang in den Gärten


Der geheime Garten führt nun zu einem riesigen Tor, dem früheren Haupteingangstor des Landguts. Deshalb verwundert es nicht, dass die repräsentative Auffahrt zum Gebäude üppig von Schwertlilien und Rosensträuchern – beide weißblühend – gesäumt ist. Durch einen Rundbogen betritt man den gepflasterten Innenhof, in dessen Mitte ein noch junger Zürgelbaum wächst, seinen Vorgänger hat ein Blitz erschlagen. Auf der rechten Seite befindet sich ein Raum, der Besucher bekommt hier einen Informationsfilm über die Gärten von Raixa und ihre Restaurierung in spanischer Sprache (auch mit Untertiteln in Deutsch) gezeigt.


Danach erlebt man auf der nächst höher gelegenen Terrasse einen zweiten Höhepunkt des Rundgangs: Die 63 Stufen, die, von Musen­figuren und von Löwen flankiert, zu der Statue des Gottes Apollo führen. Vor der Schließung des Gartens zählte dieser Aufgang zu den beliebtesten Fotomotiven der Urlauber. Auf Postkarten sah man Stufen und Statuen noch lange unverändert.


Jetzt werden die Verlage wohl neue Motive drucken müssen, denn hier hat sich viel verändert. Die früher sichtbaren, verfallenen ­Trockenmauern sind heute ganz und gar von Efeuranken überwachsen. „Hinter der Apollostatue pflanzten wir Zypressen. Wenn sie groß sind, werden sie eine Hintergrundkulisse für die Apollostatue bilden“, sagt der Architekt und er erklärt, dass wir uns jetzt im romantischen Teil befinden.


Beim Anblick einer nur einen Meter schmalen Zypressenallee kann man sich vorstellen, wie hier früher lustgewandelt wurde. Der Weg führt zu einem spektakulären Ausblick auf die Bucht von Palma. Etwas weiter hinten steht eine in die Mauer eingelassene Bank. Von hier konnte man früher, als die Zypressen noch klein waren und die Schornsteine von Son Reus den Blick noch nicht verwehrten, den Sonnenuntergang im Meer beobachten.


Aber noch ist es mitten am Tag und ein schmaler Weg, der von wilden Olivenbäumen und Mastixsträuchern gesäumt ist, führt jetzt an einer künstlichen Grotte vorbei nach oben. Hier ist die Natur nicht gezähmt, hier wächst alles wild. Das Ziel ist ein Pavillon mit farbigen Glasfenstern im neoarabischen Stil, der morgens ein prächtiges Farbspektakel bieten soll.


Danach führt der Pfad abwärts zu Mallorcas größtem Wasserreservoir. Hier hat sich nichts verändert. Die zierlichen Stühle und der Steintisch stehen genauso da wie früher. „Am safaraig endet die Führung für die Besucher, hier raten wir, einfach mal ganz still zu sein“, sagt García-­Delgado. Dann höre man, was Raixa zu sagen hat: Das Plätschern des Wassers, das Zwitschern der Vögel und das Quaken der Frösche. 

 

Fotogalerie: Rundgang in den Gärten

 

Info:

Nur Di und Do von 10 bis 14 Uhr, Führungen 10 Uhr und 12 Uhr, Gruppen nach Anmeldung auch an anderen Tagen. Eintritt und Führung gratis. Tel.: 971-21 97 41, visitesraixa@conselldemallorca.com.

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