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Dorfcheck Sant Joan: Rauer Charme

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Sant Joan - Mallorca

In dem Ort ist man nicht auf Anhieb willkommen. Mit Geduld öffnet sich das
700 Jahre alte Dorf aber auch für Fremde

Wer weiß was über Sant Joan?
Man erzählt sich alte Geschichten im Dorf, die noch immer aktuell sein könnten. Etwa diese: Sant ­Joan war viele Jahrhunderte ein Dorf von Bauern, die tagsüber auf dem Feld arbeiteten und sich abends auf ein Gläschen in der Bar trafen. Fremde verirrten sich selten nach Es Pla, in die Ebene Mallorcas, wo das Dorf im 13. Jahrhundert gegründet wurde. Doch eines Tages tauchte doch mal ein Fremder auf, ein gewisser Miró aus Palma. Er wollte in Sant Joan arbeiten und eine Familie gründen. Doch der junge Mann wurde kurzerhand aus dem Dorf gejagt – man wollte lieber unter sich bleiben.


Noch immer wird es Fremden nicht leicht gemacht, in Sant ­Joan ins Gespräch zu kommen. Der Bürgermeister lässt uns 20 Minuten warten und empfängt danach trotzdem nicht. In den zwei Dorfbars behaupten die Kellnerinnen, nichts über das Dorf zu wissen. Ein alter Mann, der rauchend vor der Bar sitzt, ist zwar in Sant Joan geboren, erzählen mag er trotzdem nichts. Und Joana (wie auf dem Klingelschild zu lesen) verschließt schnell die Tür, als wir höflich anklopfen und fragend auf den alten Steinbrunnen zeigen, der mitten in ihrem Wohnzimmer steht.


Dorfnabel seit eh und je
Wer in Sant Joan etwas erfahren will, geht in den Estanco Ca na Blanch – seit über 30 Jahren der Kommunikationstreffpunkt im Dorf (Carrer Bellavista, 32). Hier trudeln täglich die neuesten Infos ein – auf Papier gedruckt aus der ganzen Welt sowie mündlich aus der Nachbarschaft. Besitzerin ­Maria empfängt jeden Besucher mit einem Lächeln und berichtet freiwillig und freundlich über die Neuigkeiten im Dorf.


Freilich, viel zu erzählen gibt‘s nicht, Sant Joan sei klein und ruhig, so Maria. Während man hier früher von der Landwirtschaft lebte, arbeiten die jungen Leute heute auf der ganzen Insel oder ziehen gleich weg. Eine Handvoll Engagierter gibt jeden Monat eine Dorfpostille heraus, „Mel & Sucre“. Auch findet man bei Maria etliche Monogra­fien über Sant Joan. Natürlich lassen wir uns die Adresse des Autoren Antoni Sastre geben.


Von Viehzucht und Poeten
Sastre, ein betagter Mann von 88 Jahren, ist noch quietschfidel, arbeitet jeden Tag im Garten und kocht zu Hause. Diese Leidenschaft entwickelte er nach dem Tod seiner Frau. Auch sein drittes Hobby, das Bücherschreiben, begann er erst mit Anfang 70.


Vier „Monografies Santjoaneres“ sind bisher von ihm erschienen, eine fünfte liegt fertig in der Schublade, verrät Sastre. Sie handeln vom Leben in Sant Joan, das exemplarisch steht für andere Bauerndörfer auf Mallorca Mitte des 20. Jahrhunderts, und erzählen von Kleinviehzucht, dem Gartenbau und rund 300 Mahlplätzen, die es früher in Sant Joan gab und auf denen mit Pferden Mehl ausgedroschen wurde.


Gold- und Ölquelle
Eine weitere Institution ist Maler Climent Picornell Florit in der Carrer Petra, 42. Dort hat der Künstler, der immer ganz in Weiß gekleidet durchs Dorf spaziert, seine Werkstatt. Besucher führt er aber am liebsten durchs Wohnhaus, in dem jede Wand mit seinen Bildern dekoriert ist. Die Motive reichen von zart mit Kreide hingehauchten Frauenköpfen bis hin zu Stieren in kräftigen Pinselstrichen. Seine letzte Ausstellung sei schon eine Weile her, sagt Climent. Er produziere trotzdem fleißig weiter. Wer seine Bilder sehen möchte, meldet sich an unter Tel.: 663-77 70 59.


Klaus Olligs Spezialität sind Edelmetalle. Der Goldschmiedemeister aus Oldenburg bietet unterm Dach seines Dorfhauses in Sant Joan Goldschmiedekurse an. Gerade arbeiten Regina und Manfred Brückner in der Werkstatt des Meisters. Die gebürtige Leipzigerin hat sich nichts Kleineres vorgenommen, als die Himmelsscheibe von Nebra als Schmuckanhänger nachzubilden. Diese Scheibe ist eine Bronzeplatte mit astronomischen und religiösen Symbolen aus Gold und gilt als weltweit älteste konkrete Himmelsdarstellung. Wer sich auch für einen individuellen Schmuck-Workshop interessiert, meldet sich bei Klaus Olligs (Tel.: 971-52 62 57).


Heilige Steine mit Geschichte
Die große Pfarrkirche Sant Joan Baptista geht auf das Jahr 1293 zurück und soll eine Alabasterkanzel sowie wertvolle Deckentäfelungen besitzen – zu sehen leider nur am Sonntag während des Gottesdienstes. Auch die Kapelle Santuari de la Mare de Déu de Consolació, die auf einer kleinen Anhöhe am Dorfrand liegt, wird nur sonntags zur Messe aufgeschlossen. Sie ist ein Beispiel für die volkstümliche Bauweise im 13. Jahrhundert und per Auto oder über den hübschen Treppenweg Son Juny vom Dorf aus zu erreichen.


Kein Restaurant, nirgends
Die Suche nach zwei Restaurants, die uns im Dorf empfohlen wurden, endet zwei Mal vor verschlossenen Türen. Das Restaurant in dem alten Turm Sa Torre de s‘Aigo ist schon seit einiger Zeit geschlossen, erzählt eine Nachbarin. Und das s‘Ambient an der Ausfallstraße Richtung Vilafranca hat gerade eben dicht gemacht, wegen Elektrizitätsproblemen, wie es heißt.


Wo sollen Besucher also einen Happen essen zur Mittagszeit? In der Bar Can Tronca gegenüber der Kirche gibt‘s am Wochenende ein menú del día. Oder man fährt in das nahe gelegene Landgut Els Calderers (Dorfausfahrt Vilafranca, dann den Hinweisschildern folgen). Seit 1993 ist das über 700 Jahre alte Anwesen von Sant Joan ein Museum mit 35 Ausstellungsräumen, Werkstätten, Ställen – und einer kleinen Bar, in der es Kaffee, kühle Getränke und auch Snacks gibt.

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