Sightseeing

Dorfcheck Costitx: In der Heimat von Maria Antonia

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Costitx - Mallorca

Quarktörtchen, antike Brunnen, Inselfürstinnen,  Stierköpfe – wer das ursprüngliche Mallorca sucht, ist in Costitx besonders gut aufgehoben

JUTTA CHRISTOPH

Nachbarschaftstreff
Jeden Samstag findet neben der Kirche auf der Plaça del Jardi ein kleiner Markt statt, mit Blumen, Schmuck, Hunde- und Elektrozubehör. Am Obst- und Gemüsestand von Maria aus Maria de la Salut gibt‘s saisonale Ware von der Insel. Die Mallorquinerin verrät, woran man gute Artischocken erkennt: Die Knospe der Blüte muss noch geschlossen sein. Andernfalls kann man die Artischocken zwar noch essen, ihr Fleisch ist aber nicht mehr so zart. Einen besonderen Tipp bekommt man auch am Olivenstand von Luis. Die eingelegten schwarzen Oliven (6 Euro/kg) stammen von seiner Finca aus den Bergen bei Biniamar. Das Grundstück mit 1.200 Olivenbäumen und einem Steinhaus mit Wasserzisterne möchte er jetzt verkaufen – und da überall Krise herrscht, sei der Preis durchaus verhandelbar, so der mallorquinische Bauer (Infos unter Tel.: 609-97 73 46).

 
Auf jeden Fall Kirchblick
Egal, für welche Bar man sich zum Frühstück entscheidet, das Markt- und Dorfgeschehen behält man garantiert im Blick. Die Bar Espanyol Can Vermell führen seit vier Jahren die Brüder Miguel und Nadal Torrens. Stammgäste, darunter viele Radfahrer, kommen vor allem wegen ihrer pepitos de lomo (Sandwiches mit Schweinefleisch), sagen die zwei. Gleich nebenan, in der Bar Central, haben die Frauen das Sagen: Magdalena Gonzales und Tochter Catalina. Magdalena betreibt das urspanische Lokal seit acht Jahren, die Bar existiert aber bereits seit über 100 Jahren, wie die alte Pendeluhr hinter dem Tresen bezeugt. Dienstags ist in der Bar Central Paella-Tag (Portion 7,50 Euro). Noch ein Türchen weiter trifft man Juana Fiol mit ihrem Sohn Felip in der Panadería Can Buri. Juana übernahm zusammen mit ihrem Bruder die Bäckerei von den Eltern und eröffnete vor zehn Jahren ein Café in der Backstube. Drinnen gibt es nur zwei kleine Tische, daher sitzen Gäste am liebsten auf der Terrasse auf dem Rathausplatz. Juanas Spezialität: duquesas de requesón, Quarktörtchen.

 
Das Dorf erlaufen
Costitx macht Lust auf einen Spaziergang, denn im Geburtsort der Ex-Inselratschefin Maria Antònia Munar gibt‘s viel Schönes zu sehen: renovierte alte Häuser, stattliche Herrenhäuser, in deren Hauswand ein Brunnen eingelassen ist, mit Blumen geschmückte Vorgärten, überall offene Haustüren, aber auch Traktoren mitten im Dorf. Am Ortsrand, wo es am meisten Wind gibt, stehen noch einige Windmühlen, die nicht mehr in Betrieb sind. Von hier hat man auch weite Ausblicke auf die hügelige Landschaft der Umgebung mit Zypressen, Orangen­gärten und Steineichenwäldern. Am Ortsausgang nach Sencelles findet man die Kapelle Mare de Déu de Costitx. Sehenswert sind auch die restaurierten Wasserspeicher von 1886 an der Carrer Major. Der s‘aljub diente als Trinkwasser­vorrat für die Bewohner und als Viehtränke. Wer gut zu Fuß ist, nimmt den steilen Weg hinab zu den Überresten des arabischen Brunnens Sa Sínia am Dorfausgang Richtung Inca.

 
Wie bei Tante Emma
In dem kleinen Krämerladen Botiga Ca’n Roca scheint die Zeit für ein paar Jahre stehen geblieben zu sein. Und mit ein bisschen Phantasie kann man sich vorstellen, wie die Welt hier früher funktionierte. „Damals war alles anders“, erzählt Maria Munar. Ihr Vater gründete das Geschäft 1925. Heute steht Tochter Francisca hinter der Kasse. „Es gab viel weniger Produkte“, sagt Maria. Der tomate frito war hausgemacht, die Marmelade auch. Milch und Olivenöl wurden in Glasflaschen abgezapft, die man beim nächsten Einkauf wieder mitbrachte. Jeder hatte einen Orangenbaum und etwas Gemüse im Garten, hielt ein paar Hühner für Eier. Die Menschen waren ärmer, aber glücklicher, glaubt die Mallorquinerin. Man half sich gegenseitig beim Einkochen und der Mandel­ernte. Und abends saß man draußen vor der Haustür statt vor dem Fernseher und diskutierte miteinander. Heute kommen die Nachbarn wieder in den Laden und wollen von Maria wissen, wie man einkocht oder Gemüse einlegt. „In Krisenzeiten halten die Leute zusammen.“


Feste feiern, Sterne gucken
Auf den 30. Januar fällt der Geburtstag der Dorfheiligen Margalida Amengual i Campaner (1888-1919), auch bekannt als na Cativa, die Hässliche. Die Waise wurde im Dorf adoptiert und war für ihre Hilfsbereitschaft schnell über die Dorfgrenzen hinaus bekannt. Ihr Wohnhaus mit einer Gedenktafel kann von außen besichtigt werden, es steht hinter der barocken Pfarrkirche Santa Maria de Canarrossa aus dem 17. Jahrhundert. Margalida zu Ehren gibt es am Sonntag nach ihrem Geburtstag (dieses Jahr am 3.2.) ein Dorffest mit Messe und Umzug. Der zweite Dorfheilige, Sant Sebastià, wird am 20. Januar mit Fackelläufen, Konzerten und Barbecue gefeiert. Und wer Sterne gucken möchte: Auch im Winter ist das Observatorium von Costitx an der Landstraße nach Sencelles geöffnet, freitags und samstags um 19 Uhr (Eintritt 10 Euro, Kinder bis 7 Jahre frei, bis 12 Jahre 8 Euro). Infos unter Tel.: 689-68 65 57, www.mallorcaplanetarium.com

 
Entführte Stierköpfe
1894 gab’s einen spektakulären Fund in Costitx. Auf dem Gelände des Landgutes Son Corró entdeckte man einen Sakralbau mit mehreren Megalithen, Keramiken sowie drei Stierköpfen aus Bronze, die caps de bou, aus dem 6. bis 5. vorchristlichen Jahrhundert. Da sich kein Geldgeber auf Mallorca für die Ausgrabungen fand, rief man Madrid zu Hilfe. Die Originale befinden sich heute im Nationalmuseum ­Madrid, Repliken von 1985 sind im Museum Casa de Cultura in Costitx ausgestellt. Dort befindet sich auch ein Naturkundemuseum mit einer Schmetterlingssammlung (Di bis Do 10 bis 13 Uhr, Eintritt 2 Euro). Die sechs Megalithen sind noch immer an der Landstraße Costitx – Sencelles (km 2,8) zu besichtigen. Es gibt eine Infotafel auf Deutsch.

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