Sightseeing

Dorf-Check Capdepera: Ganz schön gelassen

1 Stimme

Capdepera - Mallorca

Capdepera hat vor allem seine Burg zu bieten. Doch auch das Dorf punktet mit Lage, Ausblick und Ruhe

Willkommen im Rathaus
Da die Touristeninformation ausnahmsweise geschlossen ist, statten wir dem Rathaus einen Besuch ab. Wir werden von Juan freundlich begrüßt und wollen von ihm wissen, was in seinem Dorf los ist. „Nun ja, es war mal viel los“, sagt der Mallorquiner hinter seinem Schreibtisch. Früher war Capdepera als nordöstlichster Punkt der Insel heiß umkämpft. Die Legende erzählt zum Beispiel, dass Jaume I auf dem Burghügel mehrere Nächte hintereinander 300 Fackeln entzünden ließ, um sich vor maurischen Piraten zu schützen. Die Mauren sahen die Lichter von Weitem und dachten, dass eine starke Armee auf sie warten würde – und zogen ab.


Und was passierte dann? „Dann kam Jaume II und gründete 1300 ganz offiziell Capdepera, um den 159 Meter hohen Puig de Capdepera vor Überfällen zu sichern“, sagt Juan. Da es keine Bewohner gab, mussten die Bauern aus der Umgebung auf den Burghügel ziehen. Die Festung, an der schon die Römer gebaut hatten, wurde vergrößert, damit die Menschen Platz hatten. „Heute ist die Burg die größte erhaltene Festungsanlage der Insel“, sagt Juan und klingt ein bisschen stolz. „Sie wurde 1983 restauriert und ist auf alle Fälle einen Besuch Wert.“


Urmöhren auf dem Markt
Auf dem Weg dorthin kommt man am Wochenmarkt vorbei (jeden Mittwochvormittag), der zur Zeit wegen Bauarbeiten nicht auf der Plaça de l‘Orient stattfindet, sondern an der Carrer Major vor dem alten Rathaus. Der Ausblick von dem terrassenartigen Platz auf die hügelige Landschaft ist großartig, das Angebot an Obst, Gemüse und ­Käse auch. Miquel hat die roten Rüben heute morgen frisch aus der Erde gezogen, behauptet er. Diese „Urmöhre“ ist von außen violett und hat einen orangefarbenen Kern. „Weil sie weniger Wasser enthält als die gewöhnlichen orangefarbenen, schmeckt sie intensiver nach Karotte“, erklärt der Bauer.


Der Weg ist das Ziel
Hoch zur Burg muss man nicht der Beschilderung folgen, man kann sich auch seinen eigenen Weg durch die Treppengassen bahnen. So kommt man an schönen Natursteinhäusern vorbei, entdeckt alte Türknäufe, Briefkästen und Katzen hinter Fensterläden. Auf der Burg (geöffnet täglich 9-17 Uhr, 25.12. geschl.) gibt‘s an Markttagen ein kleines Programm: Die Falknerei aus Artà stellt Schneeeulen, verschiedene Uhus und einen Falken in einem der Wehrtürme aus. Wenn die Besucherzahl groß genug ist, zeigen die Vögel eine Flugschau. Und im Haus des Gouverneurs arbeiten mittwochs Barbara und Tino mit Palmwedeln. Die zwei demonstrieren, wie man aus den llatas zuerst Zöpfe flicht, aus denen dann Körbe in verschiedenen Größen und Formen entstehen. Der Raum dient zugleich als Museum mit mehreren Dutzend Ausstellungsstücken sowie Infotafeln, auch auf Deutsch, auf denen die Arbeitsschritte der Palmwedel-Flechter erklärt werden. Barbara ist bereits über 80 Jahre alt und Tino (70) der einzige maestro artesano de papeles auf Mallorca, wie er erklärt.


Wohnzimmer der Stadt
Ob man will oder nicht, irgendwann landet man danach wieder auf dem zentralen Dorfplatz und dort meist im L‘Orient – seit 46 Jahren Café und Klatschbörse zugleich (geöffnet Do-Di ab 8.30 Uhr, 24. bis 26.12. geschl.). Wenn man wissen will, was im Dorf los ist, setzt man sich an einen der Marmortische und kommt mit anderen Gästen ins Gespräch. Tapas und Kuchen sind hausgemacht, es gibt auch frisch gepressten Apfel-Möhren-Saft.


Heiligenbilder und Dorfpostille
Als eine Fundgrube entpuppt sich  der Laden Can Cosset (geöffnet Mo-Fr 10-13 Uhr). In dem Geschäft werden nicht nur Körbe, kleine Heiligenstatuen, alte Schreibmaschinen, Silberwaren und Schwarz-Weiß-Fotos verkauft, sondern auch die „Faxdepera“ verlegt – Capdeperas Dorfzeitung. Seit 15 Jahren kümmern sich Antonio Palmer und seine Frau Concia um das Monatsheft. Aus reiner Leidenschaft, denn finanziell wirft das Blatt nichts ab. „In Zeiten der Krise schon gar nicht“, sagt Concia, „da laufen nur die Heiligenbildchen ganz gut.“


Und noch eine Legende
Nachdem Jaume I die Piraten mit seinem Fackel-Trick vertrieben hatte, wollten ein paar Jahre später die Mauren die Burg doch noch stürmen. Diesmal wurden die Bewohner durch ein Wunder vor dem Überfall beschützt: Dichter Nebel zog auf und vertrieb die Eindringlinge. Seitdem wird das gotische Marienbild „La Virgen de la esperança“ (die Jungfrau der Hoffnung) in der Burgkapelle angebetet und zu Ehren der Heiligen am 18.12. ein großes Dorffest gefeiert.

Fotogalerie

Karte