Sightseeing

Dorf-Check Felanitx: Spröder Charme

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Felanitx - Mallorca

Felanitx ist ein sehr traditionelles Stück Mallorca. Und ein wenig bröckeln tut es leider auch

JUTTA CHRISTOPH

Der Markttag
Sonntags trifft sich das ganze Dorf zwischen der Plaça Espanya und der Markthalle auf der Plaça de la Constitució. Die Einheimischen sitzen im Sonntagsstaat in der Bar, tunken in der Cafetería s’Estel churros in heiße Schokolade (3,50 Euro), spazieren über den Wochenmarkt und erledigen ihre Alltagseinkäufe: Gürtel, Strümpfe, Schneebesen, Schraubenzieher. In der großen Markthalle (geöffnet Di bis So) bekommt man frisches Obst und Gemüse, das meiste stammt von Bauern aus der Umgebung. Fisch, Käse, getrocknete Tomaten (20 Euro/kg), bunte Peperoni-Zöpfe (Stück 4 Euro) sind ebenfalls im Angebot. Juana verkauft selbst gezogene Kräuter, darunter Tee für verschiedene Wehwehchen wie Grippe, Rheuma und eine Mischung gegen Winter­depression (100 g je 4,50 Euro). Die Indischen Rosskastanien (Stück 1 Euro) sollen durch bloßes Berühren die Durchblutung und den Rückstrom des Blutes zum Herzen fördern. Viele Frauen tragen daher immer eine Kastanie in der Hosentasche mit sich herum, sagt Juana. In einer Ecke der Markthalle befindet sich auch eine Touristeninfo (So geschlossen), der Ausgang gegenüber führt zum Rathaus.


Vom Gras zur Gazette
Als Ausgleich für den geschäftigen Sonntag blieben die Geschäfte früher montags geschlossen. Auch heute halten sich noch einige an diese Regel, der estanco Ca’n Rando aber nicht. „Die Menschen wollen jeden Tag die Zeitung lesen“, sagt Besitzer Juan Montserrat, der auch internationale Magazine im Programm hat. Der Zeitungsladen an der Plaça Espanya war früher mal eine esparteria, in der man in losen Bündeln Espartogras bekam. Aus dem Gras wurden Seile, Papier und Körbe gemacht. Heute verkauft Juan noch einige daraus hergestellte Taschen und Teppiche. Sein Schaufenster hat er mit großen ­Tabletts aus Schilfrohr dekoriert. Darauf wurden ursprünglich Aprikosen getrocknet, als man in Felanitx noch mit Aprikosen handelte.

Felle & Fedoras
Auch der Beruf der Näherin gehört heute der Vergangenheit an. „Früher besaßen 80 Prozent aller Haushalte eine Industrie-Nähmaschine“, erzählt Juan Ciria. Er betreibt das Tot Pell (C/. 31 de Marc, 13), verkauft Hüte und Tierhaut-Teppiche. Zwischen Küche und Kinderbetreuung nähten viele Frauen für Mallorcas Lederindustrie, verdienten so das Haushaltsgeld für den Monat. Ein Teil vom Gehalt des Mannes konnte gespart werden. Nachdem ein Gesetz die Schattenwirtschaft in ganz Spanien verbot, ließen die Schuh- und Bekleidungsfabriken günstig in China zuarbeiten. „Die Chinesen kopierten unser Handwerk und produzieren jetzt selbst – aber in schlechterer Qualität“, sagt Ciria. Er selbst verzichtet auf Produkte made in China. Seine Kuhfelle (470 Euro) stammen aus Frankreich, die Fedoras, klassische Herrenhüte aus Filz, aus einer kleinen Manufaktur in Alicante, die seit 1935 besteht.


Gesegnete Bauten
Das Ende der Carrer 31 de Març führt direkt auf die imposante Freitreppe der Kirche Sant Miquel zu. Das Gotteshaus wurde Mitte des 16. Jahrhunderts errichtet, die Hauptfront punktet mit einer großen Rosette, im Innenraum gibt es zwölf Seitenkapellen und eine mächtige Orgel. Gegenüber der Kirche steht der leider recht baufällige Brunnen Font de Santa Margalida, 28 ausgetretene Stufen führen zur Quelle hinab. Sie wurde erstmals 1254 erwähnt, doch sollen schon Römer und Araber das Wasser genutzt haben. Der Name hängt mit einem Ereignis von 1940 zusammen: Während einer großen Dürre wurde der Brunnen am Namenstag der Heiligen (20. Juli) tiefer ausgehoben, bis wieder Wasser hervorsprudelte. An der Plaça de sa Font befinden sich auch das Kulturhaus, ein rund 300 Jahre altes mallorquinisches Herrenhaus, und gleich nebenan ein herrschaftlicher Palast mit 1.127 Quadratmetern Wohnfläche – wie viele Bauten dringend renovierungs­bedürftig und zu verkaufen.


Kerzen & Keramik
An dem betriebsamen Carrer Major mit vielen Geschäften liegt die Kerzen- und Schmuckgalerie Candela Home (Nr. 60) sowie die Keramikwerkstatt Call Vermell mit Verkaufsladen (Nr. 34). Die Künstlerin Maria Ramis stammt aus Felanitx und stellt ihre Werke bereits seit über 25 Jahren aus. Neben einer klassischen Linie von Tellern und Vasen arbeitet sie am liebsten an Unikaten. Ihre graphische Serie ist inspiriert von Höhlenzeichnungen aus Menorca. In der Adventszeit fertigt sie vor allem Krippenfiguren, die sie selbst bemalt (Stück
ab 10 Euro).


Felanitx aufs Dach steigen
Von der Hauptstraße zweigt auch der Carrer Call ab, der in einem Kreuzweg auf den 218 Meter hohen Kalvarienberg führt. Für den Spazierweg hoch zur Kapelle braucht man rund 20 Minuten, für einige Bewohner gehört der 1.100 Meter lange Pfad durchs Grüne mit seinen 100 Stufen zur morgendlichen Jogging­runde. So oder so genießt man von  oben eine schöne Sicht auf Felanitx.

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