Sightseeing

Hinter der Tür von Miquela Vidal

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Alaró - Mallorca

Auf Zeitreise durch eine Privatgalerie: Einmal die Woche lädt eine Künstlerin in Campos Besucher zu sich nach Hause ein

Das private Heim von Miquela Vidal ist eine echte Fundgrube. Für antike Möbel und 600 Jahre alte Architektur. Für Kunstwerke, die ein Frauen­leben erzählen. Für Geschichten, an denen Generationen geschrieben haben. Zugleich ist dieses Wohnhaus, eines der ältesten in Campos, eine kunterbunte Inszenierung.


Geplant hatte die mallorquinische Künstlerin das nicht. „Es hat sich so ergeben“, erzählt Miquela Vidal, „ich lebe mit meiner Kunst und mit all den Dingen, die mein Mann und ich in diesem Haus gefunden haben.“ Werbung macht die 63-Jährige keine für diese besondere Art von Privatgalerie, die sich über drei Etagen, zwei Patios und ein Hinterhaus zieht – vom Weinkeller ins Wohnzimmer, über Bad und Küche bis rauf unters Dach, wo Atelier und Werkstatt untergebracht sind. Geöffnet ist sie einmal die Woche, dann dürfen Besucher in die mehrere hundert Quadratmeter große Welt der Miquela Vidal hinein spazieren. 


Den Eingang ins Künstler-Universum markiert eine große Quarz-Skulptur in der Carrer Pare Alzina Nummer 7. „Früher waren es zwei Häuser, in denen zwei Familien gewohnt haben“, erzählt Miquela ­Vidal. Sie und ihr Mann, dessen Familie hier seit vielen Jahren lebt, haben mehrere Durchbrüche geschaffen und so die Wohnfläche von Can Oliver verdoppelt.


Ein mit kleinen robusten Steinen gefliester Gang führt von der Türschwelle quer durchs Haus in den Patio, wo ehemals Pferdeställe standen. Direkt vor der Tür sind die Steine ziemlich abgetreten. „Hier haben die Pferde wohl immer nervös auf der Stelle getreten, bevor sie nach draußen geführt wurden“, vermutet Miquela ­Vidal. Weil sich der Boden nicht mehr renovieren ließ, versteckt sie die Stelle unter einem Teppich.


Bevor das Ehepaar 2002 in Can Oliver einzog, hatten sie zwei Jahre die Handwerker im Haus, um die alten Gemäuer bewohnbar zu machen. Viele der alten Möbel behielten und restaurierten sie. Auch alte Bücher, Kisten mit Fotos und Briefen sowie Bettwäsche wurde aufgehoben. „Einige Fundsachen verarbeite ich in meinen Bildern“, erzählt sie.
Vor über 40 Jahren begann sie als Künstlerin zu arbeiten, zunächst mit figurativer Malerei und graphischer Kunst. Aus dieser Zeit stammen die Stillleben, Porträts und Landschaftsbilder, von denen man noch einige wenige im Haus findet. Ihr Stil entwickelte und veränderte sich mit den Jahren, nach einer rein abstrakten Phase fertigte sie Skulpturen und Schmuck. Heute beschreibt sie ihre Kunst als eine Mischung aus figurativ und abstrakt. Die Werke von Miquela Vidal sind schon etliche Male ausgezeichnet worden und sind in über 50 Galerien und Museen in Europa und Mittelamerika zu sehen. Auf Mallorca stehen zum Beispiel zwei sechs Meter hohe Bronze-Skulpturen am Ortseingangs-Kreisel von Llucmajor.


Eine ihrer wichtigsten Arbeiten war ein Auftrag für eine Krebs-­Initiative. Dafür modellierte sie antike Türhebel, die man häufig noch an alten Holztüren einer Finca findet, nach – als kleine Anhänger in Silber und Quarz für Halsketten und als drei Meter hohe Bronze-Skulpturen. Letztere stehen jetzt in der „Ciudad de la Justicia“ in Valencia.
Von ihren groß- und kleinformatigen Bildern beeindrucken vor allem diejenigen mit einer spe­ziellen Wachs-Technik. So hat Miquela Vidal etwa das Porträt einer Frau mit Wachs überzogen und dabei alte Briefbögen, die sie in einer großen Kiste im Haus fand, mit ins Bild integriert. „Mich fasziniert das Leben unserer Vorfahren. Ich würde zu gerne wissen, wie sie gelebt haben und was sie beschäftigt hat.“ Ein Stück altes, bereits ganz dünn gewaschenes Leinenbetttuch hat sie ebenfalls auf dem Bild untergebracht. „Unter dieser Decke haben hier früher Menschen geschlafen. ­Dicke kuschelige Daunendecken gab es da noch nicht.“


Vom Esszimmer, in dem noch die antiken Kacheln und die Deckenmalerei erhalten sind, gelangt man in den ersten Patio, der einem Garten ähnelt. Hier wachsen Palmen, Farne, Bambussträucher … In einer Ecke steht ein alter Brunnen, in der anderen ein Steinbackofen. Dazwischen stehen Skulpturen der Künstlerin, die wie auch die anderen Werke in Haus und Garten, wie in einer Galerie mit Nummern versehen sind, damit man auf einer Liste den Preis nachschauen kann.


Wo sich ehemals die Sickergrube und der Stall befanden, hat das Ehepaar einen Pool einbauen lassen. In einer kleinen Nische in der Wand steht ein Kerzenständer, ganz so wie früher. „In Zeiten, als es noch keinen Strom gab, wurde dort immer die Kerze, später die Öllampe abgestellt“, erzählt Miquela Vidal. Ein kleineres Haus trennt den vorderen vom hinteren Patio mit einem Taubengehege. In dem Gehege hatte Miquela Vidal zur „Nit de l‘art“ in Campos Hochzeitskleider ihrer Schwester Isabel ausgestellt, die Mode­designerin ist.


Und weiter geht es in das Atelier, die alte Küche, das originell restaurierte Badezimmer und den Weinkeller … Nach zwei Stunden Besichtigung lässt die Aufmerksamkeit langsam nach. Zum Glück ist es eine Dauerausstellung. Man kann ja noch mal wiederkommen.

 

Geöffnet Sa 10-14 Uhr, C/. Pare Alzina, 7, Campos, Tel.: 971-65 20 10,
www.miquelavidal.com


 

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