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Willkommen in Mallorcas Märchenhaus

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Artà - Mallorca

Am besten in Begleitung einheimischer Großeltern: das neue Museum ArtArtà

JUTTA CHRISTOPH. Das dicke Märchenbuch an der Wand wünscht Besuchern eine gute Reise – die kaum begonnen, mit einem lauten „Oh!“ abrupt endet. Wer die paar Stufen in den ersten Stock des Museums ArtArtà nimmt, starrt am obersten Treppenabsatz in die dicken Glubschaugen einer überdimensionalen Fratze – und bleibt überrascht-erschrocken stehen.


Die Köpfe der Riesen gehören zu einer ganzen Serie von Figuren aus Pappmaché, Ton, Harz und Bronze des Bildhauers Pere Pujol, der in einem Zeitraum von 30 Schaffens­jahren einer bunten Märchenwelt Leben einhauchte. Die lebensgroßen Tiere, Priester, Dämonen, Hexen, Könige, Gnome und Prinzessinnen bewohnen die obere Etage des alten Dorfhauses und scheinen mit ihren goldenen Mondgesichtern, den purpur bestickten Kleidern und dicken Weihnachtsmann-Bärten direkt aus den mallorquinischen Märchenbüchern Rondalles gestiegen zu sein.


Spätestens jetzt wünscht man sich mallorquinische Großeltern an seine Seite, die zu jeder Figur im Flüsterton die passende Geschichte erzählen. Wer solche Großeltern nicht hat, kann in einem mehrsprachigen E-Book-Reader nachlesen, was es zum Beispiel mit dem langnasigen Joan aus der Rondaia Es nas de dos pams oder mit der Fee aus Sa filla del sol i sa lluna auf sich hat.


Mit dem Privatmuseum, in dem auch ein Kunsthandwerksladen und ein Literaturcafé untergebracht sind, hat sich die Theaterdirektorin von Artà, Maria Isabel Sancho, einen Traum erfüllt. Vor drei Jahren verstarb ihre Mutter und hinterließ den Kindern das zweistöckige Stadthaus in der Fußgängerzone. Schon lange plante Maria Isabel Sancho hier einen Ort zu schaffen, an dem man Artàs Traditionen, seine Geschichte und das Kunsthandwerk kennenlernen kann. Nachdem die Mallorquinerin drei Jahre lang Absagen von öffentlichen Kultur­institutionen für ihr Projekt erhielt, entschloss sie sich, das Museum auf eigene Faust zu finanzieren. Ein mutiger Schritt in heutigen Zeiten. Um aus der Krise herauszukommen, müsse man neue Wege beschreiten, glaubt Maria Isabel Sancho. Mit Herz und Verstand.


Ihr Herz gehört den Märchenfiguren. Dem Maurenkönig, mit den langen Lippen, der nur durch den Kuss einer Frau von seinem Makel befreit werden kann. Den drei Eremiten mit den weißen Rauschebärten, die alle Tiere in Feld, Wald und Wasser beschützen. Und dem dummen Köhler, der sich mit zwei Kürbissen ins Bett legt, weil der Nachbar ihm erzählt hat, dass sie sich mit Wärme in Eselein verwandeln.


Als Kind hörte Maria Isabel Sancho zum ersten Mal die alten mallorquinischen Geschichten aus dem Mund ihrer Großmutter, natürlich in dem Haus, das heute das Museum ArtArtà ist. Die Märchensammlung in 24 Bänden, die der Mallorquiner Antoni M. Alcover zusammengetragen hat, las sie erst als Jugendliche. Später verliebte sie sich auf Anhieb in die Skulpturen des Künstlers Pere Pujol. Dass sie nun die
20 Figuren in Zusammenarbeit mit dem Neffen des 2001 verstorbenen Bildhauers in sechs Sälen im Museum ausstellen darf, bedeutet für sie pures Glück.


Dieses Glück möchte sie mit anderen Liebhabern der Rondalles teilen. Und wer die Geschichten bisher noch nicht kennt, hat nach dem Museumsbesuch garantiert das Bedürfnis, die skurrilen Charaktere näher kennenzulernen. Maria Isabel Sanchos Mission wäre damit erfüllt. Denn hinter ArtArtá steht der Wunsch, die Kultur und Geschichte Mallorcas und insbesondere die Traditionen Artàs einem breiten Publikum bekannt zu machen.


Die Mallorquinerin wuchs in der Gasse auf, die heute Fußgängerzone ist. Hier beobachtete sie die Veränderungen – wie immer mehr Läden eröffneten, die immer seltenere Produkte der Insel verkauften. In ihrem Museumsladen findet man daher ausschließlich Souvenirs von Künstlern aus Artà: Keramik, Haushaltswaren, Textilien, Schmuck, Taschen und Körbe.


„Es gibt nur noch drei Familien in Artà, die die typischen Körbe aus Palmenblättern herstellen“, sagt Maria Isabel Sancho. „Wenn wir uns nicht darum bemühen, unsere Traditionen zu bewahren, verlieren wir sie.“ Da man Altes nur erhalten kann, wenn man es mit dem Modernen verbindet, lässt sie zum Beispiel Taschen anfertigen, bei denen das Korbgeflecht mit einem hochwertigen Designerstoff kombiniert wird.


Ihre eigene Familiengeschichte fließt ebenfalls mit ein in das Projekt. Sanchos Großmutter war Korbflechterin, ihre Mutter widmete sich der Keramikfertigung. Und natürlich spürt und sieht man in dem 120 Jahre alten Haus, in dem das Museum untergebracht ist, in jeder Ecke Geschichtliches. So stammen die Bodenfliesen von demselben Künstler, der auch die Fliesen der Burg San Salvador fertigte. Das alte Bad und Schlafzimmer der Oma blieben ebenfalls erhalten.


Im Patio hat Maria Isabel Sancho die Art von Café eingerichtet, die man heute oft vergeblich sucht. Bestückt mit Marmor­tischen und Stühlen, wie man sie aus alten spanischen Künstlercafés kennt. Die Sitzpolster sind aus Stoffen genäht, in denen die Menschen früher ihre Sachen zu einem Bündel verschnürten, lange bevor es Taschen für jeden Zweck gab.


Geplant sind hier Darbietungen von Märchen in verschiedenen Sprachen. Aber nicht alles ist Tradition: Das Café ist natürlich mit Wifi ausgestattet.

 

Fotogalerie: Schräge Gesichter im Märchenmuseum

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