Sightseeing

Torrent de Pareis: Nach dem Wellen-Ritt das Canyon-Feeling

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Sóller - Mallorca

Die Pareis-Schlucht ist ein überwältigendes Natur-Erlebnis – kombiniert mit einer Bootsfahrt erst recht

INGO THOR. Vielleicht ist das wegen des penetranten Geruchs nach Erbrochenem aufkommende ungute Gefühl auf der „Capapuig“ der Preis, den man zu entrichten hat, um sich dem Highlight, das inmitten von Felswänden auf einen wartet, als würdig zu erweisen.  


Jedenfalls ist der Seegang zumindest an diesem Tag überaus rau auf der mehr als 50 ­Minuten dauernden Fahrt mit dem Ausflugsschiff „Capapuig“. Es geht vom Bilderbuchhafen Port de Sóller – entlang der massigen Serra de Tramuntana – zur verloren wirkenden Siedlung Sa Calobra, dem Tor zum „Torrent de Pareis“. Nach der Spelunca­-Schlucht auf Korsika ist dieser Canyon mit 3.300 Metern Länge und bis zu 300 Metern Tiefe der zweitgrößte Europas. Die Wellen kommen von schräg vorn, und die „Capapuig“ schlingert wie ein Korken, was das unangenehme Gefühl in der Magengegend noch zusätzlich verstärkt.


Dennoch ist der Seeweg, ­zumal an Tagen mit weniger Wellengang, wohl die bequemere Variante, sich diesem Naturwunder zu nähern. Denn bei der Wanderung über zum Teil riesige Felsbrocken kann man sich bis über die Schmerzgrenze hinaus verausgaben – unter der glühend heißen August-Sonne sowieso. Nur trittsichere und erfahrene Bergfreunde sollten die bergab etwa fünfstündige Tour wagen – denn immer wieder kommt es hier zu Unglücken.


Die dritte Möglichkeit der Annäherung nach Sa Calobra ist die Fahrt mit dem Auto. Wer diese wagen will, sollte bedenken, dass ab Palma insgesamt etwa 800 Kurven zu bewältigen sind, am Ende besonders enge, darunter eine, die Krawatten-Knoten genannt wird, weil man die gerade eben zurückgelegte Straße wieder unterquert. Auf den letzten Kilometern wird auf der 1932 ohne Hilfe von Maschinen gebauten Straße ein Höhenunterschied von sage und schreibe 800 Metern bewältigt. In der Hochsaison können besonders die angstmachenden, weil sperrigen Urlauber-Busse, die einem auf der schmalen Route immer wieder entgegenkommen, den aufkommenden Spaß an der Herausforderung verleiden.     


Gleich ob man dem Auto oder einem Schiff der ­Gesellschaft „Barcos Azules“ entsteigt, bekommt man zunächst einmal die ganz dem Tourismus-Business anheimgefallene ­Häuseransammlung Sa ­Calobra mit den auffallend vielen Selbstbedienungs-Restaurants zu Gesicht. Hier zu lange zu verweilen, wäre Zeitverschwendung, denn das Highlight an sich befindet sich in nur einigen Minuten Entfernung hinter zwei engen und niedrigen, in den 50er-Jahren durch die Felsen getriebenen Tunneln. Man sollte also relativ schnell da durch, um die Schlucht der Träume besonders lang, und deswegen intensiv, auf sich wirken lassen zu können.


Wenn man sich dann endlich mittendrin befindet im Torrent, fühlt man sich klein und fast nichtswürdig. In dem riesigen natürlichen Amphitheater ist die Akustik eine ganz besondere, einmal im Jahr – in der Regel ­Anfang Juli – findet hier sogar ein Chor-Konzert statt. Das Ganze ist auch ­visuell überwältigend, weshalb hier wiederholt Filmszenen gedreht wurden – ­zuletzt im Jahr 2011 für den ­Hollywood-Film „Der Wolkenatlas“ mit den ­Super-Stars Tom Hanks und Halle Berry.    


Die gewaltigen Felswände  bestehen aus wasserlöslichem Kalkstein, die Schlucht hat sich  durch die Kraft der Witterung über die Jahrmillionen gebildet.   An ihrem Ende befindet sich ein winziger, vor tiefblauem Wasser sanft abfallender Kieselstrand. Er betört die Menschen ob seiner spektakulären Lage zwischen Felswänden augenscheinlich so sehr, dass er in der Hochsaison mehr als gut belegt ist – nach dem für viele unangenehmen Boots-Ritt durch die Wellen sicherlich eine angemessene Belohnung.

 

Alternativen

 

Durch Mallorcas schluchten

 

Weitere bekannte und ­begehenswerte Schluchten auf Mallorcas sind etwa der ­Torrent de Coanegra zwischen dem Gebirgs-Dorf Orient und dem Weinort Santa María del Camí (ein insgesamt 16 Kilometer langer Sturzbach mit zum Teil überhängenden Steilwänden) sowie der ­Torrent de Biniaraix im Sóller-Tal. In beiden kann, insbesondere in den regenreicheren Jahreszeiten, Canyoning betrieben werden.

 

So geht's hin

 

Die Schiffe verlassen Port de Sóller um 11.15, 13 und 15 Uhr und kehren um 13.45, 14.20 und 16.45 Uhr zurück. Hin- und Rückfahrt: 25 Euro (Kinder von 6 bis 12: 13 Euro, ältere Kinder 22 Euro). Residenten: 22 Euro. Reservierungen unter Tel.: 971- 63 01 70. Angebote für geführte Wanderungen finden sich etwa unter www.mallorcamuntanya.com (auch auf Deutsch, ab 45 Euro pro Person).
 

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