Sightseeing

So urban ist Palma sonst nirgends

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Palma de Mallorca - Mallorca

Unterwegs mit Mallorcas einziger U-Bahn-Linie. In 13 Minuten von der Plaça d‘Espanya zur Balearen-Universität

SILKE DROLL. Es gibt immer noch Besucher, die es nicht glauben. Was, Mallorca hat eine U-Bahn?! Ja, seit 2007 rollt, zunächst wiederholt von Überschwemmungen unterbrochen, eine Metrolinie von der Plaça d‘Espanya in Palmas Zentrum bis zur ­Balearen-Universität (UIB). Dazwischen klappert sie sieben Haltestellen ab. In 13 Minuten ist man da. Es ist ein kurzes Vergnügen, aber man kann sich auf den 8,5 Kilometern so städtisch fühlen wie sonst nirgendwo auf der Insel.


Außerdem kann man damit ein Beispiel für Größenwahn und Pfusch der Ära von Balearen-Premier Jaume Matas hautnah erleben. Für das Verkehrsmittel, mit dem im Jahr 2011 durchschnittlich weniger als 3.000 Passagiere täglich unterwegs waren, wurden insgesamt 343 Millionen Euro ausgegeben. Zudem müssen noch bis 2031 Kredite abgestottert werden. Dann werden sich die Kosten für den Bau inklusive Zinsen auf insgesamt 536 (!) Millionen Euro belaufen. Vorgesehen waren einmal 235 Millionen.


Dennoch wurden die Passagiere nach der Eröffnung am 25. April 2007 bis Ende September zunächst kostenlos befördert. Und dann zehn Monate überhaupt nicht mehr. Nach heftigem Regen stand das Wasser meterhoch in den ­Tunneln und Stationen. Umfangreiche Nachbesserungen der schweren Baumängel waren notwendig. Seitdem immerhin fährt sie weitgehend problemlos.


An der Plaça d‘Espanya geht es in den Untergrund der Estaciò ­Intermodal, also des mehrgeschossigen, unterirdischen zentralen Bahnhofs. Hier fahren auch sämtliche Überlandbusse und Züge ab (also der eine Richtung Manacor und der andere nach Inca und Sa Pobla). Auf der obersten Ebene, wo man auch die Fahrscheine kauft, gibt es jetzt sogar einen Zeitschriften-Kiosk mit einer Mini-Auswahl deutscher Zeitungen. Man könnte also zum Beispiel auch mit der „Frankfurter Allgemeinen“ oder der „Bild“ in die U-Bahn steigen. Oder man geht vor der Abfahrt in die Bahnhofskneipe, die in ihrem rosa-modernen Design und der Schummrigkeit auch als Szene-Bar durchgehen könnte. Die Preise sind moderat. Durch große Glasflächen kann man auf die Gleise schauen und das Metropolengefühl noch ein bisschen steigern.


An diesem Freitag um zehn Uhr ist die U-Bahn tatsächlich voll besetzt. Vor allem junge Leute sitzen auf den gelben Plastiksitzen, die Studenten fahren zur Uni. Sie haben Kopfhörer auf oder schauen auf i-Pads, Smartphones und Bücher. Eine junge Frau mit verwuschelter Kurzhaarfrisur liest Dostojewski. An der ersten Haltestelle Son Costa-­Son Fortesa steigen noch mehr Leute ein, so dass nun sogar welche stehen und sich an den Metallstangen festhalten. Fast alle haben dieses unbewegliche Öffentlicher-Nahverkehr-Gesicht aufgesetzt. Oder man schaut nach unten auf den blauen, mit weißen Sprenkeln versetzten Boden. Kaum jemand unterhält sich. Obwohl das gut möglich wäre. Das Fahrgeräusch ist relativ leise, kein Vergleich mit der tosenden Londoner tube, eher so gemütlich wie die U-Bahn in München.


Nach der Station Camí dels Reis wird es plötzlich hell. Von der dunklen Röhre geht es auf oberirdische Gleise. Am Horizont erhebt sich das Tramuntanagebirge. An der vorletzten Station Son Sardina sagt eine Stimme „Anschluss zum Sóller-Zug“. Man könnte jetzt also von Mallorcas modernstem Verkehrsmittel direkt in das ­nostalgischste mit seinen Holzbänken und Art-Deco-Lampen umsteigen. An dieser Haltestelle lassen aber auch viele Pendler ihr Auto stehen, um mit der Metro ins Zentrum zu fahren.


Um 10.13 Uhr steigen alle Fahrgäste an der UIB aus und entschwinden zügig über eine Rolltreppe nach draußen. Man könnte nun einen Spaziergang über den Campus genießen oder gleich wieder zurückfahren und im Gewerbegebiet Son Castelló pausieren. Die Gegend ist annähernd so touristenfrei wie die U-Bahn.

 

So geht's hin

 

Normalerweise fährt die U-Bahn wochentags alle 15 Minuten und am Wochenende jede halbe Stunde. Doch im Sommer (bis 2.9.) gibt es nur jede Stunde eine Fahrt. Die Hin- und Rückfahrt von der Plaça d‘Espanya zur Universität kostet 3 Euro.

 

Alternativen

 

Beton-Ungetüm Palma Arena

 

Ein weiteres Beispiel für die Verschwendung von Steuergeldern unter der Matas-Regierung (2003 - 2007) kann man im Norden der Stadt besichtigen: das Velodrom Palma Arena (C/. Uruguay) kostete statt der veranschlagten 48 Millionen mehr als 100 Millionen Euro und strotzt vor Baumängeln. Wie es dazu kommen konnte, wird derzeit in mehreren Prozessen vor Gericht eruiert. In einem ersten Teilstück wurde Ex-Premier Jaume Matas im März 2012 zu sechs Jahren Haft verurteilt.

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