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Thelen-Roman: Mit Vigoleis über das Unglück lachen

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Palma de Mallorca - Mallorca

Auf Palmas Flaniermeile Borne den besten Mallorca-Roman aller Zeiten lesen

THOMAS FITZNER. Die Schwellenangst vor dem 900 Seiten-Schmöker „Die Insel des zweiten Gesichts“ ist leicht besiegt: Man unternehme einen Spaziergang auf dem Borne, setze sich auf eine beliebige Steinbank und schlage das Buch an einer beliebigen Stelle auf. Mit hoher Wahrscheinlichkeit stößt man auf ein Kapitel, das der Autor dieses besten Mallorca-Romans aller Zeiten nur Schritte entfernt angesiedelt hat. Etwa die Geschichte von der neuen Eisdiele, die am Tag ihrer Eröffnung dichtmachen muss, weil sich der Besitzer, ein exzentrischer Schweizer, und dessen Geliebte, eine feurige Südländerin, hinter verschlossenen Türen so in die Haare kriegen, dass sie verletzt davongetragen werden müssen.


Neben einem ausschweifenden und ebenso anspruchs- wie humorvollen Stil, an den zu gewöhnen sich lohnt, ist das Bemerkenswerte an diesem Werk der eigentlich tragische Hintergrund vieler Episoden und der ganzen Geschichte. Der deutsche Übersetzer und Literat Albert Vigoleis Thelen (1903-1989) lebte mit seiner Frau Beatrice von 1931 bis 1936 auf Mallorca. Noch lange bevor am Horizont die Gewitterwolken des Spanischen Bürgerkriegs erschienen, erlebten die beiden die Insel keineswegs nur als mediterranes Paradies. Zuweilen kämpfen sie ums pure Überleben. Zeitweise war ihre finanzielle Situation so verzweifelt, dass sie sich ins Wasser stürzen wollten.


Doch selbst das Suizid-­Kapitel beginnt mit einem Bonmot: „Kleine Ursachen haben oft große Wirkungen, noch kleinere können öfter noch größere haben, und überhaupt keine Ursachen haben am öftesten die allergrößten.“ So eloquent umschrieb Thelen jene bangen Tage, als nichts geschah, was die beiden aus ihrer mate­riellen Not erlöst hätte, weder eine Geldüberweisung aus Deutschland, noch eine Verdienstmöglichkeit auf der Insel.


Der Selbstmordversuch scheitert an mangelnder Entschlossenheit und dem Auftauchen eines Verwandten, der die beiden Hungerleider zu einem üppigen Mahl einlädt. Was sie danach erleben, löst beim Inselresidenten ein Déjà-vu aus, obwohl es surrealistisch überzogen scheint. Der Erzähler und seine Frau gehen zur Post, um zu prüfen, ob nicht doch etwas für sie angekommen ist. Der Post­bedienstete verneint. Als die beiden nachhaken, bietet er an, sie könnten sich den Posthaufen selbst durchsehen. Prompt findet Vigoleis (wie der Autor sein Alter Ego nennt) nicht nur einen vor kurzem eingetroffenen Brief samt Geldanweisung, sondern auch Post aus den vergangenen Monaten, die unbeachtet herumgelegen hatte. Das Angebot des Beamten, gleich auch wichtig wirkende, wenngleich an ganz andere Empfänger adressierte Poststücke mitzunehmen, um sie loszuwerden, schlägt Vigoleis aus.


MZ-Lesern fällt an dieser Stelle der Brieftest ein (MZ 622), der die Unregelmäßigkeiten im spanischen Postversand experimentell bestätigt hat, und die Reaktion der Postdirektion: Der Betrieb sei heute so gnadenlos durchmodernisiert, dass für Schneckenpost-Phänomene nur externe Faktoren verantwortlich sein könnten. Nostalgie ­massiv: Noch heute schimmert das ­Mallorca des Vigoleis durch.


Der Zufalls-Blätterer könnte auch auf Passagen stoßen, die – obwohl sie das Erleben von vor 80 Jahren widerspiegeln – mühelos die Brücke zur Tagesaktualität schlagen. „Zwingli (der Schweizer Schwager des Erzählers, Anm.d.Red.) schimpfte abermals über die aufdringlichen Gläubiger, die man nur durch Wartenlassen zur Vernunft bringen könne. Ganz Spanien sei ein einziger Offenbarungseid, da wolle er doch die Belange seiner Wahlheimat nicht sabotieren durch ein Festhalten an den verkästen Prinzipien Kantönlilands!“


In den 80er Jahren suchte Thelen die Schauplätze seines Buches noch einmal auf. Über den Ort, den wir uns zum Open Air-Schmökern ausgesucht haben, sagte er: „Der Borne? Nun, über diese ehmals so exklusive Promenade wallten stripteasend blonde Walküren; andere saßen unter den Sonnen­planen, mit Bier und nach spanischer Schenkel­tüchte gierendem Schoß, während ihre männlichen Partner sich an den spanischen Schönen ins Bluejeans versahen.“

 

Wo lesen in Palma?

 

Ruhiger als auf dem Borne ist es im Hort del Rei unterhalb des Almudaina-Palastes. Oder man geht in Buchhandlungen, die zugleich Cafés sind: Literanta (C/. Can Fortuny, 4A) und Biblioteca de Babel (C/. Arabí, 3).

 

Alternativen: George Sand und Steve Keller

 

Man soll die beiden nicht miteinander vergleichen, es sind Alternativen: „Ein Winter auf Mallorca“ ist die gut 170 Jahre alte Beschreibung des Inselaufenthaltes der Autorin George Sand und ihres Geliebten Frédéric Chopin – flott verfasste hohe Literatur. Auf der Entertainment-Schiene hingegen verkehrt der moderne Existenzgründungs-Roman „Papa ante Palma“ des deutschen Musikers und MZ-Kolumnisten Steve Keller.

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