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Hotel Formentor: Einmal ausspannen wie Winston Churchill

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Pollença - Mallorca

Rückzug ins Paradies: Das Hotel Formentor auf der gleichnamigen Halbinsel verströmt Geschichte – und Ruhe

CIRO KRAUTHAUSEN. Was ist in unserer Erlebnisgesellschaft noch vornehm? Vornehm ist, wenn zum Abendessen auf der Hotelterrasse nicht nur die Erwachsenen in Jackett oder Abendkleid erscheinen, sondern auch die Kinder entsprechend herausgeputzt werden, im Jäckchen und Kleidchen. Weil es sich einfach so gehört und weil es so wunderbar passt zu dieser Klaviermusik, die schon seit Jahren von ein und demselben Pianisten, dem Ungarn Antal „Alex“ Sandor, geboten wird, zu dieser festlichen Stimmung und zu diesem atemberaubenden Blick über eine fast perfekte, nur mit vereinzelten Villen besprenkelte Bucht, mit tiefgrünem Wald und türkisblauem Meer.


Nein, es ist nicht so, dass hier  im Hotel Formentor, im äußersten Nordosten der Insel, die Zeit stehen geblieben wäre. Auch hier findet sich mittlerweile der eine oder andere polternde britische Mitbürger ein, dessen demonstrativ zur Schau gestellten Reichtum man vielleicht besser nicht hinterfragt, und natürlich gibt auch hier, zumal in der Vorsaison, ganz normale Gäste, die sich, wie anderswo auch, mit ihren iPads an den Pool legen und auch im Speisesaal leger erscheinen.


Und doch transportiert die 1929 von dem argentinischen Millionär und Weltenbummler Adan Diehl eröffnete Hotelanlage wie kaum eine andere auf der Insel Noblesse und Grandeur, Tradition und Geschichte. Das liegt vor allem an den Gästen. Die der Vergangenheit: Hier hat Winston Churchill gemalt und geschrieben, haben Grace Kelly und Fürst Rainier einen Teil ihrer Flitterwochen verbracht, hat Helmut Schmidt vom Einmarsch der Russen in Afghanistan erfahren, ist Charlie Chaplin im Bademantel zum Strand getapert. Und die der Gegenwart, viele von ihnen eine eingeschworene Gruppe, die sich Jahr für Jahr aufs Neue einfindet, um sich hier – das altmodische Wort passt gut – der Sommerfrische zu erfreuen. Und dabei größtenteils auch von demselben Personal bedient wird wie im Vorjahr und im Jahr zuvor.


Wer einmal hier war, und es irgendwie einrichten kann, der kehrt zurück. Was viel mit der Anlage selbst zu tun hat, einem eher nüchternen, lang gestreckten weißen Bau über dem Meer, mit einer herrschaftlich-breiten Treppe, die zum Ufer hinunter führt, und einem über 80.000 Quadratmeter großen Park mit altem Baumbestand, spektakulären Blumenbeeten und penibel gepflegten Gemüse­gärten. Der wiederum eingebettet ist in ein über 1.000 Hektar großes Waldgebiet, das sich förmlich ins Meer ergießt. Formentor, das ist ein Fleck Erde, wie es ihn am Mittelmeer sonst kaum noch gibt, ein Fleck, der zum Wandeln, zum Verweilen, zum Innehalten einlädt. Ein Ort der Ruhe, der auch erklärt, wieso es hier von Beginn an so viele Künstler und Schriftsteller hergezogen hat, wieso hier nicht nur EU-Gipfel und Nahostkonferenzen abgehalten wurden, sondern auch hochkarätige Literaturtreffen, wieso hier so viel geschrieben, gemalt und nachgedacht wird. 


Bliebe noch der dank des Baumbestandes schattige Strand zu erwähnen, der wie alle Strände in Spanien der Öffentlichkeit zugänglich ist und von dieser im Sommer auch rege genutzt wird. Die Playa de Formentor schließt westlich an den Park an. An der Schnittstelle hat das Hotel für seine Gäste luxuriöse Liegen aufstellen lassen, die unverhohlen dazu dienen, die Spreu vom Weizen der Strandgäste zu trennen. Sie kosten sage und schreibe 70 Euro. Distinktion ist halt auch immer eine Frage des Geldes.


Die Zimmer sind mit allem der Preisklasse entsprechenden Komfort ausgestattet, teilweise aber doch beengt. Überhaupt gibt es im Hotel ­Formentor keinen Golfplatz, keinen Spa-­Bereich, keine Poollandschaft, kein Spiele­paradies. Dafür eine verwitterte Mini-Golfanlage, einen ordentlichen 25-Meter-Pool und noch ein kleineres Becken sowie einen vielleicht 80 Quadratmeter großen Kinderspielplatz mit dem Allernötigsten.


Das ist gut für die Ruhe der Gäste, aber nicht unbedingt für das Geschäft des Betreibers, seit 2006 die mallorquinische Hotelgruppe Barceló. In diesem Zustand kann das Formentor nicht mit den neumodischen Annehmlichkeiten der Luxus-Konkurrenz mithalten, und vor allem kann es auch nicht in den Winter hinein geöffnet bleiben. Sobald die erforderlichen Genehmigungen für die Arbeiten in dem Naturschutzgebiet beisammen sind, soll ausgebaut und grundsaniert werden, auch ein Spa soll her.


Die Stammgäste sind, wie sollte es anders sein, skeptisch, ebenso wie die schwerreichen Nachbarn – unter ihnen die greise L‘Oréal-Erbin und reichste Frau Europas, Liliane Bettencourt. Die Hotelleitung verspricht, behutsam vorzugehen und den Umbau über mehrere Winter zu verteilen. Man sei sich der Verantwortung für diesen Ort, für diese „mögliche Utopie“ wie es in einem Jubiläumsband von 2009 heißt, vollends bewusst.

 

Anfahrt und Preise

Das Hotel Formentor liegt auf halbem Weg zwischen Port de ­Pollença und dem Cap Formentor. In der Nebensaison gibt es das DZ mit Frühstück ab 140 Euro, in der Hauptsaison kostet es über 400 Euro.

 

Alternativen

Knapp 40 Luxushotels

Auf Mallorca gibt es derzeit 37 Fünf-Sterne-Häuser. Jüngster Neuzugang ist das Jumeirah in Port de Sóller. Von der Größe, Tradition und Bedeutung her mit dem Hotel Formentor vergleichbar ist das 1961 außerhalb Palmas eröffnete Schlosshotel Son Vida. Es wird wie auch zwei weitere Hotels auf der Insel von der deutschen Schörghuber-Gruppe betrieben

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