Sightseeing

Osterprozessionen auf Mallorca: Unter Büßern

20 Stimmen

Palma de Mallorca - Mallorca

Schweigsam, nüchtern, feierlich: Mallorcas Osterprozessionen lassen auch bei Ungläubigen eine Gänsehaut aufkommen

FRANK FELDMEIER. Dutzende Trommeln geben den schleppenden Takt vor. Trompeten wehklagen. Dann tauchen die ersten Büßer auf dem Paseo del Borne  auf, im Gleichschritt schreiten sie in zwei Spalieren, gehüllt in weiße Kutten, mit grünen, oben spitz zulaufende Hauben auf dem Kopf, deren Sehschlitze nur den Blick auf die Augen freigeben. Es ist Palmsonntag in Palma. Die Büßer tragen in der jeweils inneren Hand weißgelbe Palmwedel.


Die Gruppe ist groß, die Trommeln sind bald nur noch aus der Entfernung zu hören, der Gleichschritt verliert sich. Bis die nächste Trommlergruppe naht. Hinter ihr schwankt der erste paso, die erste Heiligen­darstellung, eingerahmt von Blumenschmuck und Laternen, die jetzt am Nachmittag nur schwach leuchten. Zumindest dieser paso wird nicht getragen, sondern auf Rädern gezogen – diskret dreht ein Büßer am hinteren, linken Ende des Gefährts immer wieder leicht an einem Steuerrad, um den Kurs zu korrigieren. Die Kinder in der ersten Reihe bekommen unterdessen von den Vermummten ­confits zugesteckt, mit Zucker übergossene Mandeln. 


So geht es weiter, stundenlang, an jedem Tag zwischen Palmsonntag und Karfreitag. 15 Prozes­sionen finden allein in der Balearen-Hauptstadt statt, 33 Bruderschaften beteiligen sich, am Gründonnerstagsprozession sind etwa 4.000 Büßer unterwegs. Die Tradition hat ihre Wurzeln im 16. Jahrhundert und ist ein Überbleibsel mittelalterlicher Volksschauspiele. Die Kapuzen sorgen für Anonymität – waren früher Scham und Demut im Spiel, dienen die Spitzhauben heute vor allem als Erkennungszeichen der Bruderschaften (cofradías).


Trotz der Einflüsse aus Süd­spanien hat die Vereinigung der Bruderschaften auf Mallorca bislang streng auf die Einhaltung der Insel-Tradition geachtet, und dafür auch Konflikte in Kauf genommen: Klagegesänge wie in Andalusien sind ebenso tabu wie gesonderte Schrittfolgen der Träger. Die Prozessionen sollen schweigend und nüchtern vonstatten gehen.


Höhepunkte sind die großen Umzüge am Gründonnerstag und Karfreitag, sie dauern mehrere Stunden und enden in der Regel erst nach Mitternacht. Als Geheimtipps gelten dagegen kleinere Umzüge in den Tagen zuvor, etwa die besonders ehrfürchtige Prozession Sant Crist dels Boters in Palmas Lonja-Viertel. Sie führt durch enge Altstadtgassen und wird nur von Trommeln begleitet.


Eine Besonderheit ist zudem die Organisation: Sie liegt allein bei den Bruderschaften, von denen die älteste – Creu de Calatrava – seit 1902 besteht. Die Insignien der cofradías sind die Standarten, die bereits vor dem Palmsonntag in der Basilika Sant Francesc in Palma ausgestellt werden.


Wer wissen möchte, wie viel Mühe, Tradition und auch Gemeinschaftssinn hinter den Prozessionen stecken, sollte in den Tagen davor in den Kirchen vorbeischauen: Die cofrades entstauben Heiligenfiguren und bügeln die Kleidung der Mutter Gottes auf, Kinder helfen beim Montieren und Polieren der vergoldeten Bahren, die pasos werden mit Rosen und Nelken geschmückt. Seit Monaten schon proben zudem die Blaskapellen, fernab in den Gewerbegebieten, wo sich keine Nachbarn wegen des noch nicht runden Klangs der Hörner und Tubas beschweren können.


Das Engagement ist nicht billig. Allein ein Büßergewand kostet rund 500 Euro – Handschuhe, Tragegurte oder Kapuzenpolsterung nicht mitgerechnet. Zu Jubiläen leistet sich eine Bruderschaft mitunter auch eine neue Heiligenfigur, die dann in den folgenden Jahren abbezahlt werden muss.


Auch wenn in Spanien immer weniger Gläubige in die Kirchen finden, gibt es bei den Bruderschaften keine Nachwuchsprobleme. Es sind viele Kinder mit dabei. Sie tragen noch keine Kapuzen, ihr Umhang bedeckt nur die Schultern. Die monaguillos (wörtlich: Ministranten) gehen von Kerze zu Kerze und säubern sie von Wachsresten.


Immer wieder kommen neue Bruderschaften hinzu, dieses Jahr reiht sich die erst 2008 gegründete cofradía Nuestro Padre Jesús de la Humildad y Nuestra Señora de la Paz in die Prozession ein. Als jüngste Bruderschaft wird sie den Zug am Gründonnerstag anführen.


Wenn sich die Prozession dann in Bewegung setzt, haben sich die Mühen wieder gelohnt. Und wie sich die Ankunft in der Kathedrale nach dem stundenlangen Marsch unter dem Büßergewand anfühlt, das können die Zuschauer nur ahnen.

 

In der ersten Reihe:

 

Uhrzeiten und Verlauf der Prozessionen in Palma in der Printausgabe (29.3.). Vor großen Umzügen am besten eine Stunde vorher einen Platz sichern und sich eventuell einen Klappstuhl mitbringen.

 

Alternativen:

 

Prozessionen in den Dörfern
Weniger prunkvoll, aber genauso feierlich fallen die Prozessionen im Umland aus. In Manacor wird in diesem Jahr der 25. Geburtstag des paso Crist Rei gefeiert. Es wird dazu aufgerufen, die Häuser entlang der Prozession zu schmücken und feierlich zu beleuchten. Natürlich lässt sich Ostern auf Mallorca auch auf Deutsch feiern, mit Festgottesdiensten in der evangelischen und katholischen Pfarrgemeinde

Fotogalerie

Karte