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Mandelblüte: Auf ins Gelände, Bäume gucken!

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Bunyola - Mallorca

Mallorca wie im Bilderbuch: die Mandelblüte

INGO THOR. Der Kontrast könnte verstörender kaum sein: Auf einem Hügel oberhalb einer der lieblichsten Landschaften Mallorcas, 12 Kilometer nördlich von Palma, steht wie boshaft hingerotzt einer der wohl hässlichsten Betonklötze weit und breit, das Krankenhaus Joan March. Ausgerechnet hier, zwischen um­gestoßenen Mülltonnen, löchrigen Strumpfhosen und Gummi-Handschuhen, befindet sich ein idealer Orientierungs- und Startpunkt für den Ortsfremden, der von Palma aus möglichst rasch einen Winkel finden möchte, in dem sich das wohl beeindruckendste Naturschauspiel der Insel beobachten lässt.


Denn wer sich das verdreckte Terrain rund um das Hospital wegdenkt und konzentriert in die Ferne blickt, wird für das Idylle-Defizit entschädigt: Es ist Februar, und überall blühen die für die Insel so typischen Mandelbäume weißrosa. Wie ein Teppich zieht sich die Pracht durch das Tal Richtung Bunyola hoch. Ein Spektakel, das betört. Dass die Blüten unter der gleißenden Spätwinter-Sonne so alabasterhaft zart wirken, macht alles noch märchenhafter.


Überall auf der Insel schimmert das Blütenmeer der gut fünf ­Millionen vielerorts über 100 Jahre alten Mandelbäume, und mancherorts fühlt man sich nachgerade in eine höhere Bewusstseinsebene versetzt. Dann etwa, wenn wie zwischen Santa Maria del Camí und Alaró am Fuß der Serra de Tramuntana mit Glöckchen versehene Schafe mit rostrotem Fell unter der Blütenpracht grasen und so leise und verstohlen blöken, als hätten sie Respekt vor der Schönheit des Areals.


Dass dieses Schauspiel die in Scharen anreisenden und von monatelanger Dunkelheit, Nässe und Kälte zermürbten Urlauber aus ­Mitteleuropa in Verzückung versetzt, ist nachvollziehbar, handelt es sich doch um das erste Frühlingserwachen im südeuropäischen Raum.


Doch ach: Was die Touristen frohlocken lässt, finden viele der mehr als 3.000 Mandelbauern Mallorcas zwar auch schön, macht sie aber nicht glücklich. Denn mit Mandeln kann man keine Kasse machen. Lumpige 40 bis 50 Cent gibt es für das Kilo, das deckt nicht einmal die Kosten, von Profit ganz zu schweigen.


Die Anbaufläche ist denn auch drastisch geschrumpft: Nach offi­zieller Statistik waren es im Jahr 2005 noch achtbare 57.000 Hektar, heute ist es deutlich weniger als die Hälfte. US-Amerikaner, die diese Bäume auf Mega-Plantagen in Kalifornien en gros züchten, haben den Weltmarktpreis nach unten getrieben, so dass auf der Insel mehr und mehr Bauern nicht die geringste Lust auf die Mandelernte verspüren. Manche fällen die Bäume, um Weinreben oder Olivenbäume anzubauen. Vereinzelt wird das radikale Vorgehen sogar damit gerechtfertigt, dass Mandeln kulturgeschichtlich gar nicht zu Mallorca gehörten. Dass dies hier eine Wein- und Olivenölregion sei und basta. An das zarte Gemüt ­frühlingshungriger Mitteleuropäer wird dabei nicht gedacht.


Die  Argumente, die für die Mallorca-Mandelbäume sprechen, sind deren Rolle als Touristen­attraktion und ein deutlich intensiverer Geschmack der Früchte: Die Mallorca-Mandel schmeckt süßer und hat einen höheren Öl-Gehalt. Außerdem gehen lokal hergestellte Produkte wie Mandellikör und Mandelplätzchen weg wie warme Semmeln.


Was also wird mit den Mandelbäumen passieren? Wahrscheinlich werden es weniger. Aber es gibt auch unter Landbesitzern Romantiker, die aus purer Tradition die Plantagen weiter pflegen. Ihr Lohn ist ein weißrosa Meer an wenigen Februar-Tagen. Ein Anblick, für den mancher Tourist viel Geld ausgibt, direkt vor der eigenen Haustür.

 

Anfahrt:

 

Den Autobahnring um Palma bis zur Ausfahrt Richtung Sóller. Bei km 12 rechts ab und den Hügel zum Spital hoch. Zurück zur Sóller-Straße, zweimal links abbiegen, Richtung Santa Maria und Alaró.

 

Alternativen:

 

Einzigartige Bäume auf der Insel
40 „besondere Bäume“ auf Mallorca werden von der Balearen-Regierung geschützt. Bei Felanitx im Südosten steht etwa eine beeindruckende 17 Meter hohe Kiefer. Die 18 Meter hohen „Sa Pedrissa“-Kiefern bei Deià sind ebenfalls Hingucker. Auch mehrere riesige Steineichen können besucht werden: Zwei befinden sich im Gemeindebereich von Escorca in der Serra de Tramuntana. Der Stamm der 600 Jahre alten „Set Simals“-Steineiche ist vier Meter dick. Ein Verzeichnis kann man sich von der Internetseite des Umweltministeriums herunterladen: www.caib.es, unter „medi ambient“, „arbres singulars“.

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