Sightseeing

Trabrennbahn in Manacor: Brüllen, schnalzen, spucken

7 Stimmen

Manacor - Mallorca

Wer die Trabrennbahn in Manacor besucht, schaut tief in die Seele dieser Insel hinein

INGO THOR. Plötzlich ist es laut im oberen Stockwerk des Zuschauer-Gebäudes am Rande der Pferderennbahn von Manacor. Dort, wo sich hinter großen Glasscheiben mit Blick ins weite Land eine Art Restaurant befindet: „Oooigaaa!“ (Hören Sie mal!), stößt ein allein an einem Tisch sitzender unrasierter älterer Mann mit Schiebermütze mit tiefer und zugleich rasselnder Stimme hervor, als die Kellnerin nicht schnell genug das Bestellte bringt. Er brüllt auf Spanisch, das ist eine Ausnahme. Sonst ist hier das mallorquí, das kehlige Insel-Idiom, die Umgangssprache. Der Mann hat ein blaues Papier vor sich liegen, auf das die heute anstehenden Rennen gedruckt sind, so wie alle Besucher hier. An den Nebentischen wird mit Karten gespielt, an der Bar führen sich starr blickende Kerle mit geröteten Augen – Jack-Daniels- oder Hierbas-Flaschen neben sich – die TV-Übertragung eines anderen Trabrennens irgendwo in Frankreich zu Gemüte. Niemand in der Umgebung schaut zu dem aufgeregten Mann mit der Schiebermütze. Das liegt wohl daran, dass hier alle immer mal wieder irgendwie laut sind und dann schnell wieder ruhig.

 

Der Oooigaaaa-Mann blickt später – ein Bier vor sich – still und nervös auf seinen blauen Papierbogen, wie alle hier. Er schaut wie alle überall auf der Welt drein, die Geld auf irgendwas setzen und verlieren oder gewinnen können – ob am Pokertisch, im Casino oder am Daddelautomaten in der Eckkneipe. Der Mann mit der Schiebermütze ist ein Junkie, ein Pferde-Junkie, wie alle hier.

 

Und wie wohl viele in Manacor, Mallorcas zweitgrößter Stadt, die ganz tief und irgendwie verloren im Inselinnern liegt und von wo aus trotz der geringen Distanz von nur 50 Kilometern die Hauptstadt Palma mit ihrer kosmopolitischen Bevölkerung Lichtjahre entfernt zu sein scheint. Wo es so authentisch zugeht, dass man irgendwie schnell vergisst, dass Mallorca eine seit Jahrzehnten regelmäßig von ­Millionen Urlaubern überrannte Insel ist. Willkommen in dieser eher gesichtslosen Landstadt, die einem breiteren Publikum in Spanien wohl nur deswegen ein Begriff ist, weil hier der berühmteste Tennisspieler des Landes, Rafael Rafa Nadal, groß und stark wurde.

 

Hier auf der Trabrennbahn – einer von zweien auf der Insel – trifft man den sogenannten kleinen Mann. Den Tankstellen-Mitarbeiter vom Dorf nebenan, den Rentner, den Schweinehirten, sicher auch Arbeitslose, vielleicht auch mal einen Bürohengst und ab und zu möglicherweise mal einen Anwalt. Frauen sind eher eine Seltenheit, Kinder dagegen nicht.

 

Dass es jetzt endlich losgeht, ist nur an plötzlich hektischen Bewegungen und am schlagartig steigenden Geräuschpegel vor den Wettschaltern zu erkennen. Feierlich angekündigt wird hier gar nichts. Man kennt die Uhrzeiten des Beginns der jeweiligen Rennen, sie stehen auf den blauen Bögen, und irgendwann rast unten auf der Bahn ein Auto mit Affenzahn los. Der Fahrer klappt am Heck eine elektrische Startvorrichtung aus, die Pferde mit den fragilen Reitern auf den Sulkys gruppieren sich dahinter. Das nennt man Autostart. Dann sind 2.050 Meter zu bewältigen, dies heute neun Mal, bis in den Abend hinein, etwa vier Stunden lang. Wenn die Pferde auf die Zielgerade einbiegen, wird im Publikum geschnalzt, geklatscht, gepfiffen und ab und zu auf den Boden gespuckt. Und aus oft mehr oder minder zahnfreien Mündern erklingen immer mal wieder stoßartige, laut aus der Tiefe des Rachens gepresste Rufe auf mallorquí. Nach jedem Rennen wird es in Sekundenschnelle wieder ruhig, und dann wird wieder gewettet.

 

Man kann auf Sieg oder auf Platz wetten. Oder auf eine Dreierkombination, was die größten Gewinnchancen verspricht. Die Beträge sind nicht astronomisch. Gerade geht das dritte Rennen über die Bühne, der „Premio Truman“. Wer hier die ersten drei richtig getippt hat, bekommt, so steht‘s auf zahlreichen Bildschirmen, 423 Euro ausgezahlt. Cash in the pocket. Als erstes Gespann stürmt die Nummer 4 durchs Ziel, ein Pferd namens „Ull de Vic GV“ mit dem Jockey M. Grimalt.

 

Wenig später startet das vierte Rennen, der „Premio Joan Riera Joan“. Viele haben auf die Nummer 3 gewettet, das ist auf den Bildschirmen abzulesen. „Uli Stilike“ heißt kurioserweise das Pferd, es ist nach der ehemaligen deutschen Fußballgröße Uli Stielike benannt, der vor Jahrzehnten – von 1979 bis 1982 – als Real-Madrid-Kicker mehrfach zum besten ausländischen Spieler in der Primera División gewählt wurde und sich damit offenbar nachhaltig in das kollektive Gedächtnis Spaniens einbrannte. „Uli Stilike“ liegt im letzten Drittel des Rennens tatsächlich vorn, fällt aber 300 bis 400 Meter vor dem Ziel plötzlich und unerwartet zurück. Es gewinnt die Nummer 9, Pech für die Wetter.

 

Dann wird es wieder ruhig, man schaut wieder nervös ins Leere oder auf die Zettel. Oder brüllt irgendwas kurz und abgehackt in die Runde. Und hofft auf mehr Glück beim nächsten Rennen.

 

Anfahrt:

 

Ab Palma nimmt man die von der Via Cintura abzweigende Autobahn Richtung Manacor. Nach deren Ende in die Umgehungsstraße um Manacor Richtung Artà einbiegen. Bei km 49 am Kreisverkehr rechts rausfahren, dann den „Hipòdrom“- Schildern folgen.

 

Alternativen:

 

Son Pardo
Neben der Trabrennbahn in Manacor gibt es auch noch eine in Palma: Son Pardo, direkt an der Ringautobahn gelegen. Die Rennkalender sind meist aufeinander abgestimmt: Samstag geht es in Manacor an den Start, Sonntag in Palma. Oder umgekehrt. Im Sommer finden auch nächtliche Rennen statt.

Fotogalerie

Karte