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Morbid und magisch: Mit Nils Burwitz durch Valldemossa

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Valldemossa - Mallorca

Kommst du nach Mallorca, musst du zu Chopin. Wir haben uns das Tramuntana-Idyll von dem deutschen Künstler Nils ­Burwitz zeigen lassen, der hier seit 1976 lebt

INGO THOR. Der Taubenkot ist das erste, was auffällt, wenn man sich eine kleine Ewigkeit lang die enge Wendeltreppe auf den Turm von Valldemossas Klosterkirche heraufschiebt. Dann fallen Eierschalen ins Auge, schließlich tote Tauben unter der Glocke. Doch das zunächst morbid-beklemmende Gefühl, das da aufkommt, wird durch den überwältigenden Blick in alle Himmelsrichtungen bis auf das blaue Mittelmeer ganz hinten in Sekundenschnelle weggefegt.

 

Und dann plötzlich liegt so etwas wie Magie in der Luft, die einen fesselt. „Wer hier hochkommt, geht verändert wieder runter“, sagt Nils Burwitz, deutscher Maler und Bildhauer, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit jeden Pflasterstein des durch den legendären Winteraufenthalt des polnischen Komponisten Frédéric Chopin und seiner Lebensgefährtin George Sand 1838-39 weltberühmt gewordenen Tramuntana-Dorfs kennt. „Man will hier das gewisse Etwas einatmen.“

 

Die Turmspitze der Klosterkirche ist kurioserweise einer der eher unbekannten Orte in den paar Straßen, die jedes Jahr von Zehntausenden Touristen in Beschlag genommen werden. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn man darf hier momentan eigentlich gar nicht rauf. Für Burwitz machen die Kontrolleurinnen eine Ausnahme, weil er nun mal der Burwitz ist. Der hier von allen respektierte Künstler, von dem die Fenster der Klosterkirche stammen, die vor vier Jahren feierlich erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurden.

 

„Es ist geplant, dass Urlauber hier in absehbarer Zeit gegen Bezahlung hoch können“, weiß der 71-Jährige, der mit 18 Jahren nach Südafrika auswanderte und später dank eines Stipendiums nach Europa zurückkehrte – zunächst nach London, Freiburg und Salzburg, später dann nach Mallorca.

 

Bereits zugänglich und dazu auch noch gratis ist die Kulturstiftung Coll Bardolet, die an der Hauptstraße liegt. „Auch dieser Ort ist nicht jedem Touristen bekannt“, sagt Burwitz. Dabei hängen hier Bilder des berühmten, 2007 verstorbenen katalanischen Malers Josep Coll Bardolet, der jahrzehntelang in Valldemossa gelebt und gewirkt hat und von dem gesagt wird, dass ihm die Finger zu schmerzen begannen, wenn er längere Zeit nicht den Pinsel anfassen konnte. Seine hellen und farbenfrohen Blumen- und Landschaftsbilder bewirken beim Betrachter vor allem eines: gute Laune. „Zeitweise wird in dem dreistöckigen Gebäude auch eine Berber-Schmuck-Sammlung des spanischen Botschafters in den USA, Jorge Dezcállar, gezeigt“, weiß Burwitz zu berichten.

 

Ein weiterer Ort, der nicht jedem bekannt sein dürfte, ist die Kapelle zu Ehren des Heiligen Vicente Ferrer. Burwitz erzählt, was es mit ihr auf sich hat: „Als der Heilige hier im Jahr 1413 am Olivenbaum predigte, ging ein heftiger Regenschauer nieder, doch die Gläubigen wurden nicht nass.“ Ein Wunder. Es war Erzherzog Ludwig Salvator, der die fast hutzelige Kapelle 1911 errichten ließ, der Olivenbaum steht noch heute – mittlerweile knorrig, massig und steinalt.

 

Etwas abgelegen in Richtung Norden befindet sich zwischen Bäumen ein etwas verwittertes Dankes-Denkmal zu Ehren der Orts-Heiligen Catalina Tomàs. „Es wurde gebaut, weil nach dem Spanischen Bürgerkrieg sämtliche aus Valldemossa stammenden Kämpfer – egal, auf welcher Seite sie standen – lebend zurückkehrten“, so Nils Burwitz. „Eine Plakette mit Falange-Zeichen aus der Franco-Zeit wurde allerdings inzwischen entfernt.“

 

Und schließlich geht es noch zum Friedhof, der malerisch unweit eines Berghangs liegt. Wie in Spanien üblich, liegen viele Tote in schachtähnlichen Einbuchtungen. Einige, wohl reichere Familien, haben sich regelrechte Häuschen errichten lassen. In einer Gruft liegt Catalina Homar, eine der Geliebten des Erzherzogs Ludwig Salvator, die mit nur 37 Jahren verschied –  an Lepra, wie es heißt.

 

Hier auf dem Friedhof ist es wieder, das morbide Gefühl, das eigentlich immer im Zusammenhang mit dem Tod aufkommt. Und wieder ist es die Schönheit der Umgebung, die nun einmal für das pralle Leben steht und dieses Gefühl rasch wieder verfliegen lässt.

 

Anfahrt:

 

Auf den Autobahnring rund um Palma fahren, dann an der Abzweigung nach Valldemossa abbiegen. An der Universität vorbei etwa 14 km schnurge- rade ins Gebirge. Nach einigen Kurven ist das Dorf zu sehen.

 

Alternativen:

 

Erst die Kartause, dann das Café
Valldemossa, wie es in den Reiseführern steht: Erster An- laufpunkt für Besucher des Bergdorfs ist in der Regel das ehemalige Kartäuserkloster. Dort können die Kirche und die Räumlichkeiten besichtigt werden, in denen Chopin und Sand lebten, bis sich die Tuberkulose, an der der Komponist litt, verschlechterte. Nach dem Kloster zieht es die Besucher normalerweise in das Kulturzentrum Costa
Nord, das auf Initiative des amerikanischen Schauspielers Michael Douglas entstand. Es bietet Informationen über die Serra de Tramuntana und hin und wieder kulturelle Veranstaltungen. Viele Urlauber besichtigen auch die malerische Pfarrkirche Sant Bartomeu. Der Besuch eines der Aussichtspunkte und eines der urigen Cafés oder Restaurants in dem 2.000-Seelen-Dorf runden den Besuch ab.

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