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Deià: Das Gebirgsdorf in der Tramuntana erleben

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Deyá - Mallorca

Boheme an Bergkulisse: Der Bilderbuchort zwischen Banyalbufar und Sóller hat eine aufregende künstlerische Vergangenheit. Ein wenig ist davon auch heute noch zu spüren

SILKE DROLL. Während das Auto die Kurven der Küstenstraße nimmt, tauchen die Namen früherer Dorfbewohner oder Langzeitbesucher Deiàs im Gedächtnis auf. Allen voran natürlich Robert von Ranke-Graves, der britische Schriftsteller mit deutscher Mutter („Ich, Claudius, Kaiser und Gott“). Auch die Schriftstellerin Anaïs Nin kommt in den Sinn, der Komponist Andrew Lloyd Webber oder der Musiker Bob Geldof.

 

Sie alle und noch einige mehr ließen sich von der Bilderbuchkulisse vor der Gebirgswand der Tramuntana verführen und inspirieren. Die Deià-Geschichten ranken sich um bunte Haufen von bekannten und weniger bekannten Malern, Dichtern, Musikern, die aus England, den USA und Deutschland kamen oder auch vom spanischen Festland, um in der abgeschiedenen Superidylle miteinander zu trinken, zu rauchen und die Nacht zum Tag zu machen.

 

Mallorca-Kenner wissen von den Mythen. Sie wissen auch, dass sie heute wahrscheinlich keinen prominenten Bohemien im Dorf treffen, sondern vielmehr eine Menge anderer Touristen. Wer hier auf das „ursprüngliche Mallorca“ zu stoßen hofft, wird enttäuscht. Dem Vergnügen einer Spurensuche nach dem Deià-Feeling aber tut das keinen Abbruch.

 

Der Wagen wird an einem der Bezahlparkplätze abgestellt, danach geht es über schmale Sträßlein den Kirchberg hinauf, vorbei an Joannas Keramikwerkstatt, dem Rathaus und Ruth Magdalena Bellersens Schmuck-Design-Atelier. Die Kulisse wirkt offensichtlich inspirierend, und genügend Kunden scheint es auch zu geben.

 

Oben angelangt, geht man in der Kirche erst mal bei eingespielter Choralmusik in sich, bevor es daran geht, den dahinter liegenden Friedhof zu erkunden. Auf dem kleinen Gottesacker finden sich zwischen Grabsteinen mit typisch mallorquinischen Namen beeindruckend viele von Ausländern, darunter auch die der deutschen Künstler Mati Klarwein und Ulrich Leman. Der 2003 verstorbene amerikanische Bildhauer und Archäologe William Waldren ist nicht nur dort begraben, sondern wird vor dem Eingang der Kirche mit einer Bronzeplastik der von ihm erforschten, ausgerotteten Höhlenziege geehrt.

 

Wie die Künstler in Deià lebten und manche auch noch leben, versteht man am besten bei einem anschließenden Besuch des Hauses von Graves, das einige hundert Meter nach dem Ortsausgang in Richtung Sóller rechts an der Straße in einem gepflegten Garten liegt. In den im Originalzustand eingerichteten Räumen ist die Atmosphäre eines Künstler-Haushalts konserviert. Zu sehen ist etwa Graves‘ Esszimmer, Küche, sein Arbeitszimmer, seine Druckerpresse, sein Schlafzimmer und sogar das Fahrrad, das er in seiner Kurzgeschichte „A Bicycle in Majorca“ verewigte. Eine Ausstellung im ersten Stock zeigt weitere persönliche Gegenstände sowie Dokumente, Manuskripte und Briefe, darunter etwa ein Schreiben mit Absender Downing Street, 10, dem Wohnsitz des britischen Premierministers. Das seit Sommer 2006 für die Öffentlichkeit zugängliche Wohnhaus wird vor allem von kulturbeflissenen Briten aufgesucht.

 

Für den Übergang von Deià vom Bohemien-Treffpunkt zum Luxustourismus steht das 1984 eröffnete Edel-Hotel La Residencia. Auf der Terrasse kann man fein und teuer speisen oder gemäß der britischen Tradition Deiàs Tee trinken und Scones essen. Wem das zu vornehm ist, kann dann noch im Sa Fonda in der Ortsmitte über der Apotheke einkehren. In der derzeit von dem britischen Mallorquiner Tom Radcliffe geführten Bar mit großer Terrasse lebt der Deià-Geist fort: Hier gibt es Kunstausstellungen, Filmvorführungen und Konzerte (samstags ab 22 Uhr), hier treffen sich Leute aus dem Dorf mit Leuten aus der ganzen Welt und oft sind sie ein und dasselbe: „Es ist fast wie ein Wohnzimmer und gleichzeitig wie in New York“, sagt Radcliffe. Und zu manch später Stunde legt dann auch „Nin Petit“ Musik auf. Im bürgerlichen Leben heißt er Llewelyn Graves. Er ist ein Enkel von Robert von Ranke-Graves.

 

Die Fakten

 

Deià liegt zwischen Valldemossa und Sóller. Das Robert-Graves-Haus ist montags bis freitags von 10 bis 17 Uhr geöffnet und samstags von 10 bis 15 Uhr. Die „Bar Sa Fonda“ verkündet ihr Programm auf einer Facebook-Seite.

 

Alternativen: Jugendstil in Sóller


Den Charme der Gebirgsdörfer und -städtchen der Tramuntana kann man auch in Estellencs, Banyalbufar und Sóller genießen. Sie alle sind durch die Ma-10 verbunden – die spektakuläre Bergstraße entlang der Tramuntana, die zu einigen der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Insel führt. Insbesondere für Sóller sollte man sich Zeit nehmen – und sei es nur, um hier einen Orangensaft oder Eis zu kosten. Empfehlenswert sind dort auch der Besuch der originalgetreu restaurierten Jugendstil-Villa Can Prunera mitsamt ihrer Kunstausstellung – darunter Werke von Pablo Picasso, Joan Miró und Paul Cézanne – sowie ein Besuch des Botanischen Gartens.

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