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Karneval auf Mallorca: bäuerliche Scherze und bürgerliche Tänze

Auch auf der Insel gibt es das närrische Treiben schon seit Jahrhunderten – nur eben etwas anders
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Was in Palma und Arenal los ist

  • Der Karnevalsreigen in und rund um die Inselhauptstadt beginnt am Samstag (10.2.) um 15 Uhr mit dem Umzug an der Playa von der Straße Costa i Llobera nahe dem Hafen von Arenal bis zur Plaça de las Meravelles. Freunde rheinländischen Frohsinns können dort auch in der einen oder anderen deutschen Kneipe einkehren.
  • Der Kinderkarneval Sa Rueta beginnt am Sonntag (11.2.) um 10.30 Uhr und endet um 13.30 Uhr. Er ist mehr Straßenfest als Umzug. Entlang der Rambla, dem Carrer de la Unió, dem Born und Jaume III. gibt es Clowns, Artisten, Schminkstationen, Konzerte und Spiele.
  • Die große Sa Rua beginnt um 17 Uhr auf Höhe der Clínica Rotger auf der Rambla und führt über den Carrer de la Unió und Jaume III. Erwartet werden Dutzende Wagen und Karnevalsgruppen – darunter auch etliche lateinamerikanischen.

Wer glaubt, der Karneval habe auf Mallorca keine lange Tradition, der irrt. „Schon bevor es Ende des 19. Jahrhunderts zu den ersten Umzügen kam, war der Karneval jahrhundertelang auf der Insel verwurzelt, wenn auch eher im ländlichen Raum", sagt Caterina Valriu. Die Professorin für katalanische Philologie an der Balearen-Universität ist Autorin eines Standardwerks über den Insel-Karneval: „El carnaval a Mallorca". Auch dieses Jahr gehört sie wieder zur Jury bei Preisverleihungen für die besten Kostüme und Wagen im Dorf Campanet.

Fotogalerie - Sa Rua in Palma 2018:

„Seit dem 17. Jahrhundert ist es in den Insel-Dörfern üblich, dass die jungen Leute zu Karneval ihre Nachbarn mit derben Scherzen ärgern", so die Forscherin. „Sie decken sich mit Mehl, Wasser und Eiern ein, ziehen sich einfache Masken über und gehen von Tür zu Tür. Wer aufmacht, wird „eingeseift".

Im Inselsüden ist diese Tradition stärker verwurzelt als woanders. „Der Raum Felanitx ist noch immer die Hochburg dieses bäuerlichen Low-Level-Karnevals", sagt Caterina Valriu. Manch einer dort wisse davon ein Lied zu singen, wenn seine Haustür mal wieder – eine weitere Variante – mit Lehm beschmissen wurde.

Fotogalerie - so feierten die Schulen Mallorcas:

„Dass Ähnliches auch Anfang des 19. Jahrhunderts in Valldemossa gang und gäbe war, geht aus einer Beschreibung von George Sand in ihrem Buch 'Ein Winter auf Mallorca' hervor", so die Wissenschaftlerin. Die Geliebte des Komponisten Frédéric Chopin erlebte in der Kartause eine Karnevalsfeier „reicher Bauern und Halbbürgerlicher" aus dem Dorf – und fand sie schrecklich: „hässliche und eklige Maske", unerträgliches Kastagnetten-Geklapper und monotoner Singsang".

Mallorca war dabei kein Sonderfall im katholischen Europa. Die Karnevalsbräuche entstanden nach und nach als mehr oder weniger offener Akt des zeit­weisen Ungehorsams gegenüber Sitten und Obrigkeit und erreichten im 17. Jahrhundert ihre größte Blüte, allerdings je nach Region mit unterschiedlicher Ausprägung. Während in Spanien etwa der Karneval auf Teneriffa im Laufe der Jahre durch lateinamerikanischen Einfluss, also Rückwanderer, immer prächtiger wurde, beschränkten sich die närrischen Tage etwa in Galicien, Kantabrien oder im Baskenland auf ländlich-derbe Rituale ohne größere Verkleidungen.

So wie das auch auf Mallorca der Fall war. Erst Ende des 19. Jahrhunderts organisierten Bürger und Aristokraten in Palma die ersten Karnevalsumzüge. Die sogenannten ruas verbreiteten sich später auch in den Insel-Dörfern. „Anders als heute, wo sich das Rathaus darum kümmert, waren es die Bürger und Nachbarn selbst, die diese Umzüge in Palma organisierten", sagt Caterina Valriu. „Auf dem Borne und der Rambla war der Karneval viel spontaner als heute."

Der Straßenkarneval ging mit einer weiteren, inzwischen weitgehend ausgestorbenen Tradition einher, den Bällen. Die wurden von Hilfsvereinen wie den montepíos oder Elitezirkeln wie dem Círculo Mallorquín veranstaltet und fanden in Ballsälen, aber auch in Lokalen wie dem erst 2017 geschlossenen Café Lírico statt. „Die Leute machten sich fein, wobei sich die Frauen, nicht aber die Männer Masken anzogen", so Valriu. „Im Grunde ging es darum, Kontakte anzubahnen. Die Männer ließen den Frauen kleine Geschenke zukommen, um sie näher kennenzulernen." Auch der Alkohol floss nicht zu knapp, und so konnte es auch passieren, dass die Männer irrtümlich – auf Mallorca so ungewöhnlich nicht – mit Verwandten anbandelten. Wenn dann die Masken fielen, wurde dies mit glucksenden Ausrufen quittiert. „Diese bürgerlichen bailes gab es damals in ganz Spanien", sagt Caterina Valriu.

Fotogalerie - so feierte am Samstag (10.2.) Arenal:

Damals gehörte es auch noch zum Karnevalsgeschehen, sich bei den Umzügen über Politiker und andere Prominente lustig zu machen. Den faschistischen Putschisten um Francisco Franco war das zu viel aufrührerisches Potenzial. Ein Jahr nach Ende des Bürgerkriegs, verboten sie 1940 das subversive Treiben. „Nur der Kinderkarneval blieb erlaubt", so Caterina Valriu.

Nach der dunklen Zeit – also nach Francos Tod im November 1975 – war an der Karnevalsfront in Spanien und auch auf Mallorca vieles anders als vor der Diktatur. „Die Kritik an der Obrigkeit, wie sie etwa im rheinischen Karneval noch heute gepflegt wird, kam in Spanien nicht wieder auf", so Caterina Valriu. „Jetzt zählen nur noch schön bunte Kostüme." Die Forscherin bezweifelt, dass das Rebellische eines Tages wieder Einzug halten könnte. „Heutzutage machen sich die Leute nicht mehr beim Karneval über die Obrigkeit lustig, sondern in den sozialen Netzwerken."

Veranstaltungskalender: Karnevalsumzüge in Palma de Mallorca und auf der restlichen Insel

Caterina Velriu gibt am Freitag (9.2.) um 19 Uhr in der Institució Alcover in Manacor (C/. Pare Fernàndez, 12) eine Einführung in die Geschichte des Insel-Karnevals.

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