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Originelle Ausstellung: Wie das Kind auf Mallorca in den Brunnen fiel

Sechs Künstler zeigen im alten Judenviertel von Inca von dem Sprichwort inspirierte Arbeiten. Dabei wird auch dem Ort auf den Grund gegangen
09-11-2017 16:59
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Robert López Hinton und Marie-Noëlle Ginard, Hausherren in Can Monroig, vor ihren Fotos. Foto: Sebastià Terrassa

Robert López Hinton und Marie-Noëlle Ginard, Hausherren in Can Monroig, vor ihren Fotos. Foto: Sebastià Terrassa

Rund um das deutsche Sprichwort „Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist ..." zeigt eine Künstlergruppe in Inca ab dem 11. November eine inhaltlich und formal sehr facettenreiche Gemeinschaftsausstellung. Ideengeberin war die deutsche Künstlerin Katharina Pfeil, die sich mit ihren Kollegen Manuel Santiago, Abraham Calero, Marie-Noëlle Ginard, Robert López Hinton und Vito Mardaras jeden Donnerstag zum Arbeiten trifft. Treffpunkt ist das spektakuläre Haus von Ginard und López Hinton im ehemaligen Judenviertel von Inca: ein riesiges, mehrstöckiges Gebäude auf mittelalterlichen Fundamenten,die die Hausbesitzer metertief frei- und trockengelegt haben und als Wohnraum nutzen.

Brunnen gibt es in Can Monroig gleich mehrere, und auch in den Köpfen der deutsch-spanisch-britisch-französischen Gruppe tauchten viele Bilder aus dem Unterbewussten auf. Als „die Befreiung des inneren Kindes, eine Art Reinigungsritual" bezeichnet Marie-Noëlle Ginard ihre Aktion, die López Hinton fotografisch dokumentiert hat.


Tonerde auf dem Gesicht

Die Künstlerin hat in der ungenutzten und blau bemalten Zisterne des Hauses gearbeitet, mit Tonerde auf dem Gesicht, weißen Bändern um den Oberkörper, Babypuppen und einem weißen Umhang, der den Sanbenitos, den historischen Büßerumhängen der Inquisitionsopfer, nachempfunden ist. Die Bilder wirken intensiv und sind auch formal sehr interessant.

Abraham Calero, gebürtiger Madrilene und wohnhaft in Calvià, hat sich mit dem Kind identifiziert. Um dessen Erlebnis nachzuvollziehen, ist er in den Brunnen im Hinterhof des Hauses gestiegen, mehr als sieben Meter tief. Zum Glück war er angeschnallt, denn die Leiter gab tatsächlich nach, er rutschte ab. „Angst, Stille, Feuchtigkeit, Dunkelheit und Schmerzen" hat er wahrgenommen. Entstanden sind dunkle Bilder mit konzentrischen Formen, bei denen auch der Begriff „Schuld" auftaucht.

Welche Schuld wir tragen

Während des sechsmonatigen Arbeitsprozesses fand López Hinton ein Dokument aus dem Jahr 1392. Darin beklagt eine Konvertitin namens Clara den Mord an jüdischen Kindern in Inca, die während des Übergriffs auf das Judenviertel im Sommer 1391 in einen Brunnen geworfen wurden. Darunter war auch Isaac, der 13-jährige Sohn der Frau. „Welche Schuld tragen wir, die Nachfahren jener Christen, an diesen Ereignissen?", fragt sich Calero.

Der Musiker Vito Mardaras hat sich in den Kopf der Täter hineinversetzt. Obsessiv und labyrinthisch müsste es darin wohl aussehen, meint der baskische Künstler, der in Binissalem lebt. Seine Erkenntnisse vermittelt er mit dem Beschlagen einer Metallwand, vermischt mit Computerklängen. Das passe auch zur verwirrenden Straßenführung und zur harten Geschichte des Viertels. Es gibt sogar Vermutungen, dass der Kindsmord-Brunnen aus dem
14. Jahrhundert eben jener ist, der im Hinterhof von Can Monroig steht.


Kinder im freien Fall

Manuel Santiago hat auf vergilbten Seiten eines alten Buchhaltungsbuches Kinder im freien Fall gemalt. Die Bilder harmonieren mit der groben Steinwand, auf der sie kleben, und bringen einen zum Schaudern. „Der Fall ist nicht nur tief, sondern auch lang", sagt Santiago, der aus Madrid stammt und in Binissalem lebt, „es ist auch ein Untertauchen, ein Verschwinden in einer anderen Welt." In der blauen Zisterne hat Santiago den Unterkörper einer Schaufensterpuppe verkehrt herum auf einen kreisrunden Spiegel montiert: der schauerliche Moment des Eintauchens in das Brunnenwasser.

Katharina Pfeil, die seit vielen Jahren in Sencelles lebt, hat sich mit unser aller persönlichem Brunnen beschäftigt. Sie hat kleine, dunkelgraue Keramikgefäße getöpfert, deren bauchige Form an Brunnen erinnern. Zur Vernissage werden sie mit Wasser gefüllt sein. „Die kann man in der Hand halten und sich darin selbst betrachten", sagt sie. Zudem wird sie am Tag der Vernissage einen Monolog vortragen, bei dem sie die Begriffe des Sprichworts auf ihre Bedeutung abklopft. Für die Kölnerin ist das Thema ein Dialog mit dem Unterbewusstsein und auch eine Fragestellung zur globalen Umweltsituation. Das Sprichwort bedeutet ja nichts anderes als „Wenn es einmal zu spät ist ...".

Ausstellung „El niño en el pozo". Can Monroig, Carrer Can Valella, 22, Inca. Vernissage: 11. November, 19 Uhr. Bis 8.12. Besuchszeiten: Mo.?Fr. 18?20 Uhr. Eintritt frei

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