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Eine Italienerin macht Tourismus-Kunst auf Mallorca

Irene Pittatore untersucht in einem Videoprojekt, was das Urlaubergeschäft auf Mallorca aus den Menschen macht, die in dieser Industrie arbeiten
01-11-2017 14:28
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Kunst mit sozialem Anliegen: die Italienerin Irene Pittatore. Foto: Sebastián Terrassa

Kunst mit sozialem Anliegen: die Italienerin Irene Pittatore. Foto: Sebastián Terrassa

Der Violinist schaut ins Publikum, zieht ein paar Grimassen. Er zählt äußerst gestenreich den Takt an – und dann: Schnitt. Das eigentlich Wichtige, die Musik, wird ausgeblendet. Es ist ein besonders cleverer Moment in Irene Pittatores Video­arbeit "Lavoratori del turismo" (Die Arbeiter des Tourismus), die sie in Venedig gedreht hat und die bis vergangenen Sonntag in der Ausstellung „Ciutat de Vacances" im Museum Es Baluard gezeigt wurde. Denn es belegt eine Theorie der italienischen Künstlerin: „Die Arbeiter im Tourismus in Venedig sind Schauspieler auf dieser Bühne, zu der die Stadt geworden ist." So sei es vollkommen normal, dass die Urlauber unter anderem die Kellner in den Cafés, die Handwerker in den Glasbläsereien oder die Musiker in den Konzertsälen fotografierten.

Was das häufig ausbeuterische System für die Menschen im Tourismus bedeutet, das untersucht Pittatore in ihren künstlerischen Arbeiten. „Mir geht es darum, ein Bewusstsein zu schaffen. Wir leben immer in einem Kontext, auch wenn wir im Urlaub sind." Nun arbeitet sie im Rahmen eines Stipendiums des internationalen Kunstprojekts „The Spur" an einem zweiten Teil dieser Serie – auf Mallorca.


Palma medial noch nicht ganz ausgeschlachtet

Noch bis Ende November ist Pittatore auf der Insel. Das Projekt bestreitet sie in Zusammenarbeit mit dem Museum Es Baluard, aber für die Zeit lebt sie in Alaró, wo die Galerie Addaya die Möglichkeit hat, Künstlern Räumlichkeiten für eine Residenz zu bieten. „Noch bin ich in der ersten Recherchephase. Ich spreche unter anderem mit Soziologen und anderen Beobachtern der Gesellschaft."

Pittatore möchte die Grundstrukturen verstehen, bevor sie sich überlegt, mit welchen Betroffenen sie spricht. Ob sie sich eher auf Magaluf und den Ballermann konzentriert, oder doch eher da­rauf, was der Massentourismus mit Palma macht, das hat die Künstlerin noch nicht entschieden. „An Palma reizt mich, dass es medial noch nicht ganz so ausgeschlachtet ist wie die Küstenorte." Sie habe sich auch mit Aktivisten getroffen. „Es ist sehr leicht, dass man ihnen Tourismusphobie vorwirft, ohne zu hinterfragen, ob das stimmt." Neulich habe jemand einen Begriff in den Raum gestellt, der ihr gefallen habe: urbanofilia, also die Liebe zu einer Stadt, die für die Leute da sein müsse, die dort zu Hause seien.

14 Stunden Garderobe: Was macht das mit einem

Pittatore will Menschen eine Stimme geben, die sonst nicht an die Öffentlichkeit gelangt. „Was bedeutet es etwa, wenn man täglich 14 Stunden lang an der Garderobe an einem Ort wie dem Petersdom in Rom arbeitet? Was macht das mit einem?" Es ist nicht das erste Mal, dass sie derlei Themen in ihren Arbeiten aufgreift. So hat sie im vergangenen Jahr etwa die Slogans und Zukunftskonzepte von Städten für ein Plakat­projekt verwendet. Das Original stand oben, eine kritische Interpretation davon kopfüber darunter. Aus „Public Art" wurde mit den gleichen Buchstaben „A Club Trip", aus „Smart Cities" „Racist Times", aus „Creative Class" „Slaves, React!".

Dabei hilft ihr auch die Arbeit als Journalistin, die sie nebenher betreibt. So schreibt sie unter anderem für den italienischen „Playboy" über Kunst und Feminismus. „Auch da versuche ich eine andere Perspektive zu bieten. Das ist gerade spannend in einem Magazin, das so ein ganz anderes Bild von Erotik vermittelt, als ich es empfinde."
Manche der Protagonisten aus Venedig haben vor der Kamera gesprochen. Andere, die Angst vor Repressalien hatten, hat Pittatore nachgesprochen. „Manche haben sich auch geschämt, etwa eine Frau, die eigentlich Journalistin ist, aber im Hotel an der Rezeption arbeitet."

Ab dem 7.11. wird das Museum Es Baluard ihr einen Raum zur Verfügung stellen. Es ist eine Art offenes Büro. Dann beginnt die Zeit der intensiven Arbeit. Menschen können sie dort besuchen und von ihren Erfahrungen berichten (siehe Kasten). Gleichzeitig bietet es die Chance, den Fortschritt ihrer Arbeit zu beobachten.

Was genau sich schließlich als Ergebnis zeigen soll, weiß Pittatore nur so halb. „Im Grunde bietet 'The Spur' ein Recherchestipendium, ohne dass jetzt ein konkretes Werk dabei he­rauskommen soll." Am Ende, das steht fest, soll ein E-Book erscheinen. Die Italienerin selbst will aber auf alle Fälle auch wieder ein Video machen.

TEILEN SIE IHRE ERFAHRUNGEN MIT

Für ihr Projekt auf Mallorca sucht Irene Pittatore Menschen, die (im besten Fall vor der Kamera, aber auch gern anonym) von ihren -Erfahrungen als Arbeiter in der Tourismusbranche (im weitesten Sinne) berichten wollen. 

Wenn Sie Interesse daran haben, mit ihr zu sprechen, melden Sie sich bei der MZ unter patrick.mz@epi.es. Wir leiten es dann an die Künstlerin weiter. 

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