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Syrischer Trümmerpianist gastiert auf Mallorca

Aeham Ahmad wurde als Klavierspieler in seiner zerbombten Heimatstadt bekannt. Seit 2015 lebt er in Deutschland, jetzt kommt er nach Palma
24-09-2017 23:00
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Zunächst spielte er Akkordeon, dann setzte er sich ans Klavier: Aeham Ahmad in seiner zerstörten Heimatstadt Jarmuk in Syrien. Foto: Privat

Zunächst spielte er Akkordeon, dann setzte er sich ans Klavier: Aeham Ahmad in seiner zerstörten Heimatstadt Jarmuk in Syrien. Foto: Privat

Ein junger Mann sitzt in einer von Bomben zerstörten Straße am Klavier und singt auf Arabisch Lieder, die vom Schrecken des Krieges erzählen. Der Pianist heißt Aeham Ahmad. Das Foto stammt aus seiner Heimatstadt Jarmuk, einem Vorort der syrischen Hauptstadt Damaskus. 2015 floh der heute 28-jährige Vater von zwei Kindern allein nach Deutschland. Seine Familie kam im Jahr darauf nach. Heute tourt er durch das Land, aber auch durch andere europäische Staaten, um den Menschen die Situation in seinem Heimatland und die Musik aus Syrien näherzubringen. Am Mittwoch (27.9.) gastiert Ahmad in Palma de Mallorca. Die MZ erreichte ihn am Hamburger Hauptbahnhof per Telefon.

Sie sind unermüdlich unterwegs in Ihrer Mission, den Menschen die Kriegsgräuel anhand der Musik näherzubringen.
Ich habe zurzeit quasi täglich ein Konzert. Einen Abend München, am nächsten Tag Hamburg, dann wieder Mailand. Gerade komme ich von einem Workshop mit 600 Schulkindern. Das ist zwar stressig, und ich bin hundemüde, aber auf diese Weise kann ich meine Landsleute unterstützen, die dort ausharren und in Lebensgefahr sind. Wissen Sie, es ist so wichtig, über Syrien zu sprechen.

Was wollen Sie denn genau mit Ihrer Tournee erreichen?
Ich will zeigen, dass wir Syrer auf der Suche nach Frieden sind. Wir müssen immer klarmachen, dass wir alle Menschen sind, genau wie Deutsche oder Spanier. Auch, wenn es in Deutschland in gewissen Kreisen heißt: Passt auf, das sind Moslems! Wir sind alle Menschen und wir müssen uns gegenseitig zuhören. Das funktioniert mit Musik am besten.

Aeham Ahmad studierte Piano in Syrien, sein blinder Vater, selbst ein Flüchtlingskind aus Palästina, ist ein renommierter Violinist. Er lebt noch immer in Syrien. Ahmad wuchs mit der klassischen Musik auf. Sein Vorbild ist Ludwig van Beethoven.

Warum ausgerechnet Beethoven?
Er spricht über Freiheit und eine offene Geisteshaltung, und das schon vor Jahrhunderten. Seine Musik bringt Menschen zusammen. In Syrien wissen die meisten Menschen wenig über Deutschland oder Europa. Aber alle kennen die klassischen Komponisten. Chopin, Mozart, Beethoven. Er ist ein idealer Botschafter für Deutschland.

Wie kam es damals zu der Szene, in der Sie Klavier spielend in Ihrer zerstörten Heimatstadt sitzen?
Das war gar nicht meine Idee. Ich saß im Jahr 2012 mit meiner Frau und ein paar Freunden zusammen, und wir beklagten die Zustände in unserem Land. Da sagte meine Frau: Warum spielst du nicht Akkordeon, um uns ein bisschen aufzuheitern? Ich war erst skeptisch, habe es dann aber gemacht. Später habe ich irgendwann das Klavier genommen und mit ein paar Freunden an verschiedenen Stellen in der Stadt aufgebaut - und gespielt.

Wo nahmen Sie die Kraft her, in einem Umfeld von Krieg, Zerstörung und Hunger vier Jahre lang Klavier zu spielen?
Meine Frau und meine Freunde haben mich gepusht. Wir haben zusammen gesungen. Wir hatten ja nicht mal Tee oder Kaffee. Die Musik war unsere Nahrung. Und die Leute in Jarmuk waren glücklich über die Musik. Es war wie eine kleine Revolution gegen Diktator Assad. Wir haben friedlich demonstriert und für einen Moment mit der Musik den Krieg gestoppt.

Ahmad verkaufte Falafel, bis keine Linsen mehr in die besetzte Stadt kamen. Eine Bombe verfehlte sein Geschäft knapp, verletzte ihn an der Hand. 2015 verbrannten die Dschihadisten sein Klavier. Er hatte Angst um sein Leben und floh.

Wie reagieren die Menschen in Deutschland auf Ihre Musik?
Sehr positiv. Ich glaube, sie mögen arabische Musik. Es ist ja mal etwas anderes, als sie sonst in Konzerten hören. Die Deutschen sind sehr aufgeschlossen für neue Arten von Musik. Außerdem hören sie gern meine persönliche Geschichte. Viele Deutsche haben ein ehrliches Interesse daran zu erfahren, wie wir Syrer sind und was in uns vorgeht. Ablehnung habe ich keine erfahren.

Aeham Ahmad gastiert am Mittwoch (27.9.) um 20 Uhr im Teatre Principal in Palma. Er wird eigene Kompositio­nen seiner CD „Jarmuk" spielen – mit klassischen Einflüssen wie auch arabischen Klängen. Die Karten kosten zwischen 5 und 20 Euro und sind unter teatreprincipal.koobin.com erhältlich. Das Eintrittsgeld geht an Projekte mit Flüchtlingen.

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