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Poetry-Slam auf Mallorca: „Das Gedicht muss in dir drin sein?

Margalida Calahorro Bover ist Spaniens beste Slammerin. Ab Herbst tritt die 25-jährige aus Palma europaweit auf
19-08-2017 23:00
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Ein Anliegen und viel Arbeit: Das ist das Margalidas Erfolgsrezept. F.: Bendgens

Ein Anliegen und viel Arbeit: Das ist das Margalidas Erfolgsrezept. F.: Bendgens

Ein schlaues Mädchen, eine Leseratte, diplomierte Psychologin, Kommunikationswissenschaftlerin und Englischlehrerin – das alles war und ist Margalida Calahorro Bover. Derzeit ist die 25-jährige Mallorquinerin aber vor allem eins: Spaniens beste Slammerin. Erst seit zwei Jahren gehört Margalida zur Poetry-Slam-Szene, und gerade hat sie mit einem furiosen und auf Spanisch vorgetragenen Text über die Verlogenheit des menschlichen Daseins und der Konsumwelt den landesweiten Wettstreit in der zentral­spanischen Kleinstadt Ciudad Real gewonnen. Eigentlich hatte das Publikum den Andalusier José Flores zum Sieger gewählt. Doch der wurde des Betrugs überführt und gestand diesen letztlich auch ein: Den Regeln nach dürfen nur eigene Text vorgetragen werden, Flores hatte sich anderswo bedient.

So rutschte die Zweitplatzierte, die Vertreterin der Mallorca-Community „Slam Mallorca Mes a Mes", auf den ersten Platz. Die örtliche Gruppe besteht aus rund einem Dutzend aktiver Slammer, die monatliche „Gedichteschlachten" in Palma organisieren und viele Veranstaltungen auf den Dörfern stemmen. „Das ist eine Ehre und eine Verantwortung", sagt Calahorro beim Frühstückstee in der Bar Cristal in Palma.


Europameisterschaft in Belgien

„Gedanken, wie es jetzt weitergeht, mache ich mir nach dem Sommer." Sie will das alles mit Ruhe ­angehen, aber nervös wirkt sie trotzdem, wenn sie von der näheren Zukunft spricht: Am 22. September ein ­Auftritt als Ehrengast beim Poetry Slam in Bunyola (auf dem Dorfplatz, 20.30 Uhr), danach kommen Einladungen aufs spanische Festland, später der Auftritt bei der Europameisterschaft in Belgien, dann die WM in Paris im Frühjahr 2018. „Ich bin gerade ein bisschen erschöpft", sagt sie auf Deutsch, „wer ernsthaft slammen will, muss konstant und anspruchsvoll sein." Die Sprache hat sie an der Schule Sant Josep Obrer in Palma gelernt.

Margalida Followthelida, wie sie mit ihrem Künstlernamen heißt (Lida ist die Abkürzung ihres Vornamens und ein Wortspiel mit dem Begriff Follow the Leader) hat sich all die Qualitäten, die eine gute Slammerin ausmachen, erarbeitet. Der Hang zum Gedichteschreiben war schon als Jugendliche da, aber für die Bühne muss gefeilt und poliert werden. Zwei Monate brauche sie, bis ein Text vortragsreif sei, erzählt sie: das Gedicht schreiben, auswendig lernen und schließlich die ­Rezitation vorbereiten. ­„Aussprache, Stimmlage, Körpersprache, Rhythmus, Tempo ?", zählt sie auf und wirkt ein bisschen angestrengt, „das heißt viel üben, denn ich bin ja keine
Schauspielerin."


"Das muss de Zuhörer spüren"

Bei allem Üben darf der Ausdruck nicht verloren gehen, denn gute Poetry Slams zeichnen sich dadurch aus, dass man Persönliches unterhaltsam vorträgt. „Das Gedicht muss in dir drin sein", sagt sie, „und das muss der Zuhörer spüren." So spontan und lässig wie Slammen wirkt, ist es also nicht.

Die besten Slammer seien die, die mit einem Anliegen schreiben und die Bühne betreten, sagt sie. „Man sollte feste Überzeugungen haben und es muss immer um ein Thema gehen, das einem wichtig ist." Das Anliegen sei der Antrieb, um Angst und Scham zu überwinden, und um mit der direkten Bewertung nach dem Vortrag klarzukommen: Das Publikum hebt ­Tafeln mit einer Nummer in die Höhe, die zwischen zehn (am besten) und null (am schlechtesten) liegt. Wer am Ende die höchste Bewertung hat, kommt ins Finale und trägt ein zweites Gedicht vor. Danach wird der Sieger gewählt.

Es geht um Zusammenhalt

„Wir sind eine große Familie", sagt Calahorro über die SlammerSzene. Es gehe nicht nur um Poesie, sondern auch um den Zusammenhalt, das gemeinsame Essen und Feiern, das Einladen von internationalen Gast-Slammern. Reisekosten übernehmen die Gastgeber, Unterkunft gibt es privat bei einem der Szenemitglieder. So wächst man zusammen. Die liebsten Veranstaltungen sind ihr aber die „Volks-Slams", etwa auf einem Platz im Stadtteil Son Gotleu, wo unbedarfte Nachbarn über die Qualität des Gehörten abgestimmt haben. „Das Publikum hat Freude beim Mitmachen und ist sehr dankbar."

Es wird ein Hobby bleiben

Leben kann man von alledem nicht, Geld fließt nicht, zumindest nicht in Spanien. Slammen werde immer ein Hobby sein, sagt Margalida Calahorro. Jetzt lässt sie sich voll darauf ein, aber später will sie einmal Kino-Drehbücher schreiben.

Momentan ist sie im Ferienmodus. Eigentlich müsste Margalida Followthelida aber schon wieder am Schreibtisch sitzen und dichten. Allein für den Herbst muss sie zehn Werke parat haben, zwei pro Auftritt. Das ein oder andere werde sie wohl recyceln, sagt sie
schmunzelnd.

Poetry Slams finden im Café a tres bandas statt (Plaça de Barcelona, 20, täglich ab 17 Uhr) und in verschiedenen Dörfern der Insel. Veranstaltungshinweise stehen auf der Facebook-Seite von „Slam Mallorca Mes a Mes" (www.facebook.com/slammallorca/)

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