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Videokunst bei Kewenig: Marsch der Vergessenen und Unfreien

Verdrängung und Migration: Der Südafrikaner William Kentridge zeigt eine absurde und eindrucksvolle Installation
15-03-2017 00:00
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Absurde Szenerien von Prozessionen zeigt William Kentridge in seiner Videoinstallation ­„Shadow Procession

Absurde Szenerien von Prozessionen zeigt William Kentridge in seiner Videoinstallation ­„Shadow Procession", die in der Galerie Kewenig zu sehen ist. Foto: Kewenig

Dass sich die Galerie Kewenig in Palma entschieden hat, William Kentridges Videoinstallation „Shadow Procession" durch das Schaufenster im Carrer Sant Feliu zu zeigen, hat einen interessanten Nebeneffekt. Während man nah genug an die Scheibe herangeht, um das Video durch einen Schlitz zu betrachten, kann man in der Spiegelung der Schaufensterscheibe die Passanten beobachten, die irritiert auf diese Person schauen, die da ganz nah an der Fensterscheibe steht.

Es ist das erste Mal, dass der süd­afrikanische Künstler Arbeiten als Einzelausstellung in der Galerie zeigt. Im Zen­trum steht die siebenminütige Projektion, in den Büroräumen sind zudem mehrere Druckarbeiten aus den Jahren 2010 bis 2016 zu sehen. Sie zeigen unter anderem Schreibmaschinen, die mit einzelnen Wörtern oder Satzteilen versehen sind. „Undo, unsay, unremember" steht etwa auf einem. Das Motiv der Geschichtsvergessenheit ist zentral in den Arbeiten des im Jahr 1955 in Johannesburg geborenen Künstlers.


Verwundete auf Holzkrücken, geknickte Gestalten

„Shadow Procession" stammt aus dem Jahr 1999. Das Video zeigt Silhouetten aus schwarzem Papier auf weißem Hintergrund. Der Film besteht aus drei untereinander nicht offensichtlich in Verbindung stehenden Teilen. Zunächst sehen wir eine Prozession, die wie die Rückkehr aus einem Krieg wirkt. Verwundete auf Holzkrücken, geknickte Gestalten. Manch eine stützt eine andere auf dem beschwerlichen Marsch. Sogar ein Gehenkter wird noch am Galgen baumelnd mitgeschleppt. Gegen Ende sind jene zu sehen, die noch mehr Kraft haben und die das Gepäck mitschleppen. Begleitet wird dieser Teil von der Musik des südafrikanischen Straßenmusikers Alfred Makgalemele. Textloser, expressiver Gesang, begleitet von Akkordeon, was der ganzen Szenerie einige eigenartige Festlichkeit verleiht.

Der zweite Teil, nach Reihenfolge des Beiblatts der Galerie, zeigt eine groteske, dicke Figur. Während im Hintergrund verzerrte Geräusche und schnelle Trommeln ertönen, scheint die Figur sich über die ihm vorbehaltene Szenerie zu amüsieren. Immer wieder macht er eine ausladende Handbewegung, zu der der Knall einer Peitsche ertönt. Es ist die Figur des Ubu, eines wiederkehrenden Elements in den Arbeiten des Südafrikaners, die die Aufarbeitung des Apartheid-Regimes durch die Truth Commission thematisiert.

Schnelle, heitere Musik

Der dritte Teil bietet wieder eine Prozession, allerdings sind die Figuren absurder. Man hört eine jubelnde und rufende Menschenmenge, bevor schnelle, heitere Musik einsetzt. Es scheint sich um eine festliche Gesellschaft zu handeln. Zwischenzeitlich schreitet eine überdimensionale Katze durch das Bild, auch ein Auge in Nahaufnahme blickt um sich und wirkt fast wie eine Referenz auf Buñuels „Andalusischen Hund".

Obwohl Kentridge als Weißer in Südafrika aufgewachsen ist, hat er sich Zeit seiner künstlerischen Arbeit mit der Ungerechtigkeit des Apartheid-Regimes auseinandergesetzt. Das Element der Prozessionen taucht in der Folge von „Shadow Procession" in seinen Arbeiten immer wieder auf. Sie symbolisieren zum einen die Verdrängung in der Zeit des rassistischen Regimes und im größeren Maßstab die Migrationsbewegungen in einer globalisierten Welt.


Die bittere Erinnerung der Vertriebenen

Der finnische Kunstkritiker Minna Raitmaa schreibt, es sei schwer einzuschätzen, ob sich „Shadow Procession" auf einen bestimmten Ort oder Zeitpunkt in der süd­afrikanischen Geschichte bezieht, auch wenn es eindeutig sei, dass das Video in der Vergangenheit spielt. Stattdessen plädiert Raitmaa für eine Interpretation, wonach das Video die bittere Erinnerung all jener verkörpere, die unterdrückt und aus ihrem eigenen Land vertrieben wurden.

Die Auseinandersetzung mit Unterdrückern und Unterdrückten findet sich auch in Werken in den Büroräumen der Galerie. Neben den Drucken, die teilweise auf Seiten von Lexika und Naturkundebüchern entstanden sind, hängt ganz im Hintergrund ein Wandteppich. Er zeigt ein Porträt des römischen Politikers und Philosophen Cicero. Darunter sieht man Ausschnitte einer Landkarte Italiens – die, wie die Überschrift zeigt, dem „Ministe­rium der Kolonien" gehört.

William Kentridge, Shadow Procession, Galerie Kewenig, Palma, C/. Sant Feliu, s/n, bis 1. April.

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